Der Kübelreiter Verbraucht all Kohle; leer der Kübel; sinnlos die Schaufel; Kälte atmend der Ofen; das Zimmer vollgeblasen von Frost; vor dem Fenster Bäume starr im Reif; der Himmel, ein silberner Schild gegen den, der von ihm Hilfe will. Ich muß Kohle haben; ich darf doch nicht erfrieren; hinter mir der erbarmungslose Ofen, vor mir der Himmel ebenso; infolgedessen muß ich scharf zwischendurch reiten und in der Mitte beim Kohlenhändler Hilfe suchen. Gegen meine gewöhnlichen Bitten aber ist er schon abgestumpft; ich muß ihm ganz genau nachweisen, daß ich kein einziges Kohlenstäubchen mehr habe und daß er daher für mich geradezu die Sonne am Firmament bedeutet. Ich muß kommen, wie der Bettler, der röchelnd vor Hunger an der Türschwelle verenden will und dem deshalb die Herrschaftsköchin den Bodensatz des letzten Kaffees einzuflößen sich entscheidet; ebenso muß mir der Händler, wütend, aber under dem Strahl des Gebots “Du sollst nicht töten!” eine Schaufel voll in den Kübel schleudern. Meine Auffahrt schon muß es entscheiden; ich reite deshalb auf dem Kübel hin. Als Kübelreiter, die Hand oben am Griff, dem einfachsten Zaumzeug, drehe ich mich beschwerlich die Treppe hinab; unten aber steigt mein Kübel auf, prächtig, prächtig; Kamele, niedrig am Boden hingelagert, steigen, sich schüttelnd unter dem Stock des Führers, nicht schöner auf. Durch die fest gefrorene Gasse geht es in ebenmäßigem Trab; oft werde ich bis zur Höhe der ersten Stockwerke gehoben; niemals sinke ich bis zur Haustüre hinab. Und außergewöhnlich hoch schwebe ich vor dem Kellergewölbe des Händlers, in dem er tief unten an seinem Tischchen kauert und schreibt; um die übergroße Hitze abzulassen, hat er die Tür geöffnet. “Kohlenhändler!” rufe ich mit vor Kälte hohl gebrannter Stimme, in Rauchwolken des Atems gehüllt, “bitte Kohlenhändler, gib mir ein wenig Kohle. Mein Kübel ist schon so leer, daß ich auf ihm reiten kann. Sei so gut. Bis ich kann, bezahl ichs.” Der Händler legt die Hand ans Ohr. “Hör ich recht?” fragt er über die Schulter weg seine Frau, die auf der Ofenbank strickt, “hör ich recht? Eine Kundschaft.” “Ich höre gar nichts”, sagt die Frau, ruhig aus- und ein- atmend über den Stricknadeln, wohlig im Rücken gewärmt. “O ja”, rufe ich. “ich bin es; eine alte Kundschaft; treu ergeben; nur augenblicklich mittellos.” “Frau”, sagt der Händler, “es ist, es ist jemand; so sehr kann ich mich doch nicht täuschen; eine alte, eine sehr alte Kundschaft muß es sein, die mir so zum Herzen zu sprechen weiß.” “Was hast du, Mann?” sagt die Frau und drückt, einen Augenblick ausruhend, die Handarbeit an die Brust, “niemand ist es; die Gasse ist leer; alle unsere Kundschaft ist versorgt; wir könnten für Tage das Geschäft absperren und ausruhn.” “Aber ich sitze doch hier auf dem Kübel”, rufe ich und gefühllose Tränen der Kälte verschleiern mir die Augen, “bitte seht doch herauf; Ihr werdet mich gleich entdecken; um eine Schaufel voll bitte ich; und gebt Ihr zwei, macht Ihr mich überglücklich. Es ist doch schon alle übrige Kundschaft versorgt. Ach, hörte ich es doch schon in dem Kübel klappern!” “Ich komme”, sagt der Händler und kurzbeinig will er die Kellertreppe emporsteigen, aber die Frau ist schon bei ihm, hält ihn beim Arm fest und sagt: “Du bleibst. Läßt du von deinem Eigensinn nicht ab, so gehe ich hinauf. Erinnere dich an deinen schweren Husten heute nachts. Aber für ein Geschäft und sei es auch ein eingebildetes, vergißt du Frau und Kind und opferst deine Lungen. Ich gehe.” “Dann nenn ihm aber alle Sorten, die wir auf Lager haben; die Preise rufe ich dir nach.” “Gut”, sagt die Frau und steigt zur Gasse auf. Natürlich sieht sie mich gleich. “Frau Kohlenhändlerin”, rufe ich, “ergebenen Gruß; nur eine Schaufel Kohle; gleich hier in den Kübel; ich führe sie selbst nach Hause; eine Schaufel von der schlechtesten. Ich bezahle sie natürlich voll, aber nicht gleich, nicht gleich.” Was für ein Glockenklang sind die zwei Worte “nicht gleich” und wie sinnverwirrend mischen sie sich mit dem Abendläuten, das eben vom nahen Kirchturm zu hören ist. “Was will er also haben?” ruft der Händler. “Nichts”, ruft die Frau zurück, “es ist ja nichts; ich sehe nichts, ich höre nichts; nur sechs Uhr läutet es und wir schließen. Ungeheuer ist die Kälte; morgen werden wir wahrscheinlich doch viel Arbeit haben.” Sie sieht nichts und hört nichts; aber dennoch löst sie das Schürzenband und versucht mich mit der Schürze fortzuwehen. Leider gelingt es. Alle Vorzüge eines guten Reittieres hat mein Kübel; Widerstandskraft hat er nicht; zu leicht ist er; eine Frauenschürze jagt ihm die Beine vom Boden. “Du Böse!” rufe ich noch zurück, während sie, zum Geschäft sich wendend, halb verächtlich, halb befriedigt mit der Hand in die Luft schlägt, “du Böse! Um eine Schaufel von der schlechtesten habe ich gebeten und du hast sie mir nicht gegeben.” Und damit steige ich in die Regionen der Eisgebirge und verliere mich auf Nimmerwiedersehen. Franz Kafka  Der Kübelreiter Vor dem Gesetz Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. «Es ist möglich», sagt der Türhüter, «jetzt aber nicht.» Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: «Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kam nicht einmal ich mehr ertragen.» Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: «Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.» Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. «Was willst du denn jetzt noch wissen?» fragt der Türhüter, «du bist unersättlich. » «Alle streben doch nach dem Gesetz», sagt der Mann, «wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?» Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: «Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.» Franz Kafka  Vor dem Gesetz Der Gruftwächter Kleines Arbeitszimmer, hohes Fenster, davor ein kahler Baumwipfel. Fürst (am Schreibtisch, im Stuhl zurückgelehnt, aus dem Fenster blickend), Kammerherr (weißer Vollbart, jugendlich in ein enges Jackett gezwängt, an der Wand neben der Mitteltür). Pause. FÜRST sich vom Fenster abwendend: Nun? KAMMERHERR: Ich kann es nicht empfehlen, Hoheit. FÜRST: Warum? KAMMERHERR: Ich kann im Augenblick meine Bedenken nicht genau formulieren. Es ist bei weitem nicht alles, was ich sagen will, wenn ich jetzt nur den allgemein menschlichen Spruch anführe: Man soll die Toten ruhen lassen. FÜRST: Das ist auch meine Ansicht. KAMMERHERR: Dann habe ich es nicht richtig verstanden. FÜRST: So scheint es. Pause. FÜRST: Das Einzige, was Sie in der Sache beirrt, ist vielleicht nur die Sonderbarkeit, daß ich die Anordnung nicht ohne weiters getroffen, sondern vorher Ihnen angekündigt habe. KAMMERHERR: Die Ankündigung legt mir allerdings eine größere Verantwortung auf, der zu entsprechen ich mich bemühen muß . FÜRST: Nichts von Verantwortung! Pause . FÜRST: Also nochmals. Bisher wurde die Gruft im Friedrichspark von einem Wächter bewacht, der am Eingang des Parkes ein Häuschen hat, in dem er wohnt. War an diesem Ganzen etwas auszusetzen? KAMMERHERR: Gewiß nicht. Die Gruft ist über vierhundert Jahre alt und so lange wird sie auch in dieser Weise bewacht. FÜRST: Es könnte ein Mißbrauch sein. Es ist aber kein Mißbrauch? KAMMERHERR: Es ist eine notwendige Einrichtung. FÜRST: Also eine notwendige Einrichtung. Nun bin ich so lange hier auf dem Landschloß, bekomme Einblick in Einzelheiten, die bisher Fremden anvertraut waren - sie bewähren sich schlecht und recht -, und habe gefunden: Der Wächter oben im Park genügt nicht, es muß vielmehr auch ein Wächter unten in der Gruft wachen. Es wird vielleicht kein angenehmes Amt sein. Aber erfahrungsgemäß finden sich für jeden Posten bereitwillige und geeignete Leute. KAMMERHERR: Natürlich wird alles, was Hoheit anordnen, ausgeführt werden, auch wenn die Notwendigkeit der Anordnung nicht begriffen wird. FÜRST auffahrend: Notwendigkeit! Ist denn die Wache am Parktor notwendig? Der Friedrichspark ist ein Teil des Schloßparkes, ist von ihm ganz umfaßt, der Schloßpark selbst ist reichlich, sogar militärisch bewacht. Wozu also die besondere Bewachung des Friedrichsparks? Ist sie nicht eine bloße Formalität? Ein freundliches Sterbelager für den armseligen Greis, der dort die Wache besorgt? KAMMERHERR: Es ist eine Formalität, aber eine notwendige. Bezeugung der Ehrfurcht vor den großen Toten. FÜRST: Und eine Wache in der Gruft selbst? KAMMERHERR: Sie hätte meiner Meinung nach einen polizeilichen Nebensinn, sie wäre wirkliche Bewachung unwirklicher, dem Menschlichen entrückter Dinge. FÜRST: Diese Gruft ist in meiner Familie die Grenze zwischen dem Menschlichen und dem Anderen, und an diese Grenze will ich eine Wache stellen. Über die, wie Sie sich ausdrücken, polizeiliche Notwendigkeit dessen, können wir den Wächter selbst verhören. Ich habe ihn kommen lassen. Läutet. KAMMERHERR: Es ist, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, ein verwirrter Greis, schon außer Rand und Band. FÜRST: Ist es so, dann wäre dies nur ein weiterer Beweis für die Notwendigkeit einer Verstärkung der Wache in meinem Sinn. Diener. FÜRST: Der Gruftwächter! Der Diener führt den Wächter herein, hält ihn unter dem Arm fest, sonst würde er zusammenstürzen. Alte, rote, weit ihn umschlotternde Festlivree, blankgeputzte Silberknöpfe, verschiedene Ehrenzeichen. Kappe in der Hand. Unter den Blicken der Herren zittert er. FÜRST: Auf das Ruhebett! Diener legt ihn hin und geht. Pause. Nur leises Röcheln des Wächters. FÜRST wieder im Lehnstuhl: Hörst du? WÄCHTER bemüht sich zu antworten, kann aber nicht, ist zu erschöpft, sinkt wieder zurück. FÜRST: Suche dich zu fassen. Wir warten. KAMMERHERR zum Fürsten gebeugt: Worüber könnte dieser Mann Auskunft geben, und gar glaubwürdige oder wichtige Auskunft. Man sollte ihn eiligst ins Bett bringen. WÄCHTER: Nicht ins Bett - bin noch kräftig - verhältnismäßig - stelle noch meinen Mann. FÜRST: Es sollte so sein. Du bist ja erst sechzig Jahre alt. Allerdings siehst du sehr schwach aus. WÄCHTER: Werde mich gleich erholt haben - gleich erholt. FÜRST: Es war kein Vorwurf. Ich bedauere nur, daß es dir so schlecht geht. Hast du über etwas zu klagen? WÄCHTER: Schwerer Dienst - schwerer Dienst - klage nicht - aber entkräftet sehr - Ringkämpfe jede Nacht. FÜRST: Was sagst du? WÄCHTER: Schwerer Dienst. FÜRST: Du sagtest noch etwas. WÄCHTER: Ringkämpfe. FÜRST: Ringkämpfe? Was für Ringkämpfe denn? WÄCHTER: Mit den seligen Vorfahren. FÜRST: Das verstehe ich nicht. Hast du schwere Träume? WÄCHTER: Keine Träume - schlafe ja keine Nacht. FÜRST: Dann erzähle also von diesen - diesen Ringkämpfen. WÄCHTER schweigt. FÜRST zum Kammerherrn: Warum schweigt er? KAMMERHERR eilt zum Wächter: Es kann ja jeden Augenblick mit ihm zu Ende sein. FÜRST steht beim Tisch. WÄCHTER als ihn der Kammerherr berührt: Weg, weg weg! Kämpft mit den Fingern des Kammerherrn, wirft sich dann weinend hin. FÜRST: Wir quälen ihn. KAMMERHERR: Womit? FÜRST: Ich weiß nicht. KAMMERHERR: Der Weg ins Schloß, die Vorführung, der Anblick Eurer Hoheit, die Fragestellung - dem allen hat er nicht mehr genug Verstand entgegen zu setzen. FÜRST sieht immerfort nach dem Wächter hin: Das ist es nicht. Geht zum Ruhebett, beugt sich zum Wächter, nimmt dessen kleinen Schädel zwischen die Hände. Mußt nicht weinen. Warum weinst du denn? Wir sind dir wohlgesinnt. Ich selbst halte dein Amt nicht für leicht. Gewiß hast du dir Verdienste um mein Haus erworben. Also weine nicht mehr und erzähle. WÄCHTER: Wenn ich mich aber vor dem Herrn dort so fürchte - sieht den Kammerherrn drohend, nicht furchtsam an. FÜRST zum Kammerherrn: Sie müssen fortgehn, wenn er erzählen soll. KAMMERHERR: Sehen Sie doch, Hoheit, er hat Schaum vor dem Mund, ist schwerkrank. FÜRST zerstreut: ja, gehen Sie, es dauert nicht lange. Kammerherr geht. FÜRST Setzt sich auf den Rand des Ruhebettes. Pause. FÜRST: Warum hast du dich vor ihm gefürchtet. WÄCHTER auffallend gesammelt: Ich habe mich nicht gefürchtet. Vor einem Diener mich fürchten? FÜRST: Er ist kein Diener. Er ist ein Graf, frei und reich. WÄCHTER: Doch nur ein Diener, du bist der Herr. FÜRST: Wenn du es so willst. Du selbst sagtest aber, daß du dich fürchtest. WÄCHTER: Ich habe Dinge vor ihm zu erzählen, die nur du erfahren sollst. Habe ich nicht schon zu viel vor ihm gesagt? FÜRST: Wir sind also Vertraute und ich habe dich doch heute zum ersten Mal gesehn. WÄCHTER: Gesehn zum ersten Mal, aber seit jeher weißt du, daß ich das gehobener Zeigefinger wichtigste Hofamt habe. Du hast es ja auch öffentlich anerkannt, indem du mir die Medaille >Feuerrot< verliehen hast. Hier! Hebt die Medaille vom Rock. FÜRST: Nein, das ist eine Medaille für fünfundzwanzigjährige Hofdienste. Die hat dir noch mein Großvater gegeben. Doch werde auch ich dich auszeichnen. WÄCHTER: Tue, wie es dir gefällt und der Bedeutung meiner Dienste entspricht. Dreißig Jahre diene ich dir als Gruftwächter. FÜRST: Nicht mir, meine Regierung dauert kaum ein Jahr. WÄCHTER in Gedanken: Dreißig Jahre. Pause. WÄCHTER sich halb zu der Bemerkung des Fürsten zurückfindend: Nächte dauern dort Jahre. FÜRST: Aus deinem Amt kam mir noch kein Bericht. Wie ist der Dienst? WÄCHTER: Gleichförmig jede Nacht. Jede Nacht nahe bis zum Platzen der Halsadern. FÜRST: Ist es denn nur Nachtdienst? Nachtdienst für dich Alten? WÄCHTER: Das ist es eben, Hoheit. Es ist Tagdienst. Ein Faulenzerposten. Man sitzt vor der Haustür und hält im Sonnenschein den Mund offen. Manchmal tappt dir der Wächterhund mit den Vorderpfoten aufs Knie und legt sich wieder. Das ist die ganze Abwechslung. FÜRST: Also. WÄCHTER nickend: Aber er ist in Nachtdienst umgewandelt worden. FÜRST: Von wem denn? WÄCHTER: Von den Gruftherren. FÜRST: Du kennst sie? WÄCHTER: Ja. FÜRST: Sie kommen zu dir? WÄCHTER: Ja. FÜRST: Auch in der letzten Nacht? WÄCHTER: Auch. FÜRST: Wie war es? WÄCHTER setzt sich aufrecht: Wie immer. FÜRST steht auf. WÄCHTER: Wie immer. Bis Mitternacht ist Ruhe. Ich liege - verzeihe mir - im Bett und rauche die Pfeife. Im Bett nebenan schläft mein Tochterkind. Um Mitternacht klopft es das erste Mal ans Fenster. Ich sehe nach der Uhr. Immer pünktlich. Noch zweimal klopft es, es mischt sich mit den Uhrenschlägen vom Turm und ist nicht schwächer. Das sind nicht menschliche Fingerknöchel. Aber ich kenne das alles und rühre mich nicht. Dann räuspert es sich draußen, es wundert sich, daß ich trotz solchen Klopfens das Fenster nicht öffne. Möge sich die fürstliche Hoheit wundern! Noch immer ist der alte Wächter da! Zeigt die Faust. FÜRST: Du drohst mir? WÄCHTER versteht nicht gleich: Nicht dir. Dem vor dem Fenster! FÜRST Wer ist es? WÄCHTER: Er zeigt sich gleich. Mit einem Schlage öffnen sich Fenster und Fensterladen. Knapp habe ich noch Zeit, meinem Tochterkind die Decke über das Gesicht zu werfen. Sturm bläst herein, verlöscht das Licht im Nu. Herzog Friedrich! Sein Gesicht mit Bart und Haar erfüllt mein armes Fenster ganz und gar. Wie hat er sich entwickelt in den Jahrhunderten. Wenn er den Mund zum Reden öffnet, weht ihm der Wind den alten Bart zwischen die Zähne und er beißt in ihn. FÜRST: Warte, du sagst Herzog Friedrich. Welcher Friedrich? WÄCHTER: Herzog Friedrich, nur Herzog Friedrich. FÜRST: Er nennt so seinen Namen? WÄCHTER ängstlich: Nein, er nennt ihn nicht. FÜRST: Und trotzdem weißt du - abbrechend. Erzähle doch weiter! WÄCHTER: Soll ich weiter erzählen? FÜRST: Natürlich. Das geht mich ja sehr an, es ist hier ein Fehler in der Arbeitsverteilung. Du warst überlastet. WÄCHTER niederkniend: Nicht mir meinen Posten nehmen, Hoheit. Wenn ich so lange für dich gelebt habe, laß mich jetzt auch für dich sterben! Laß nicht vor mir das Grab vermauern, zu dem ich strebe. Ich diene gern und habe noch Fähigkeit zu dienen. Eine Audienz wie die heutige, ein Ausruhn beim Herrn, gibt mir Kraft für zehn Jahre. FÜRST setzt ihn wieder auf das Ruhebett: Niemand nimmt dir deinen Posten. Wie könnte ich dort deine Erfahrung entbehren! Ich werde aber noch einen Wächter bestimmen und du wirst Oberwächter werden. WÄCHTER: Genüge ich nicht? Habe ich jemals einen durchgelassen? FÜRST: In den Friedrichspark? WÄCHTER: Nein, aus dem Park. Wer will denn hinein? Bleibt einmal einer vor dem Gitter stehen, winke ich mit der Hand aus dem Fenster und er läuft davon. Aber hinaus, hinaus wollen alle. Nach Mitternacht kannst du alle Grabesstimmen um mein Haus versammelt sehn. Ich glaube, nur weil sie sich so aneinanderdrängen, fahren sie nicht sämtlich mit allem, was sie sind, mir durch das enge Fensterloch herein. Wird es allerdings zu arg, hole ich die Laterne unter dem Bett heraus, schwenke sie hoch und sie reißen sich, unverständliche Wesen, mit Lachen und Jammern auseinander; noch im letzten Busch am Ende des Parkes höre ich sie dann rauschen. Aber bald sammeln sie sich wieder. FÜRST: Und sie sagen ihre Bitte? WÄCHTER: Zuerst befehlen sie. Herzog Friedrich vor allen. So zuversichtlich sind keine Lebendigen. Seit dreißig Jahren, jede Nacht erwartet er, mich diesmal mürbe zu finden. FÜRST: Wenn er seit dreißig Jahren kommt, kann es nicht Herzog Friedrich sein, der erst vor fünfzehn Jahren gestorben ist. Er ist aber der einzige dieses Namens in der Gruft. WÄCHTER zu sehr von dem Erzählten erfaßt: Das weiß ich nicht, Hoheit, ich habe nicht studiert. Ich weiß nur, wie er beginnt. »Alter Hund«, beginnt er beim Fenster, »die Herren klopfen und du bleibst in deinem Schmutzbett.« Gegen Betten haben sie nämlich immer Zorn. Und nun sprechen wir jede Nacht fast dasselbe. Er draußen, ich ihm gegenüber mit dem Rücken an der Tür. Ich sage: »Ich habe nur Tagdienst.« Der Herr wendet sich und ruft in den Park: »Er hat nur Tagdienst.« Daraufhin gibt es ein allgemeines Lachen des versammelten Adels. Dann sagt der Herzog wieder zu mir: »Es ist doch Tag.« Ich darauf kurz: »Sie irren.« Der Herzog: »Tag oder Nacht, öffne das Tor.« Ich: »Das ist gegen meine Dienstordnung.« Und ich zeige mit dem Pfeifenstock auf ein Blatt an der Wand. Der Herzog: »Du bist doch unser Wächter.« Ich: »Euer Wächter, aber von dem regierenden Fürsten angestellt.« Er: »Unser Wächter, das ist die Hauptsache. Also öffne, und zwar sofort.« Ich: »Nein.« Er: »Narr, du verlierst deinen Posten. Herzog Leo hat uns für heute eingeladen.« FÜRST schnell: Ich? WÄCHTER: Du. Pause. WÄCHTER: Wenn ich deinen Namen höre, verliere ich meine Festigkeit. Deshalb habe ich mich gleich aus Vorsicht an die Tür gelehnt, die mich jetzt fast allein aufrecht hält. Draußen singen alle deinen Namen. »Wo ist die Einladung?« frage ich schwach. »Bettvieh«, schreit er, »du zweifelst an meinem herzoglichen Wort?« Ich sage: »Ich habe keine Weisung und deshalb öffne ich nicht, öffne ich nicht, öffne ich nicht.« »Er öffnet nicht«, ruft der Herzog draußen, »also vorwärts, alle, die ganze Dynastie, gegen das Tor, wir öffnen selbst.« Und im Augenblick ist es vor meinem Fenster leer. Pause. FÜRST: Das ist alles? WÄCHTER: Wie denn? Jetzt erst kommt mein eigentlicher Dienst. Hinaus aus der Tür, herum um das Haus, und schon pralle ich mit dem Herzog zusammen und schon schaukeln wir im Kampf. Er so groß, ich so klein, er so breit, ich so schmal, ich kämpfe nur mit seinen Füßen, aber manchmal hebt er mich und dann kämpfe ich auch oben. Um uns sind alle seine Genossen im Kreis und verlachen mich. Einer, zum Beispiel, schneidet hinten meine Hose auf und nun spielen alle mit meinem Hemdzipfel, während ich kämpfe. Unbegreiflich, warum sie lachen, da ich doch bisher immer gewonnen habe. FÜRST: Wie ist es aber möglich, daß du gewinnst? Hast du Waffen? WÄCHTER: Nur in den ersten Jahren nahm ich Waffen mit. Was könnten sie mir ihm gegenüber helfen, sie beschwerten mich nur. Wir kämpfen nur mit den Fäusten, oder eigentlich nur mit der Atemkraft. Und immer bist du in meinen Gedanken. Pause. WÄCHTER: Aber niemals zweifle ich an meinem Sieg. Nur manchmal fürchte ich, daß der Herzog mich zwischen seinen Fingern verlieren könnte und er nicht mehr wissen wird, daß er kämpft. FÜRST: Und wann hast du gesiegt? WÄCHTER: Wenn es Morgen wird. Dann wirft er mich hin und speit mir nach, das ist sein Bekenntnis der Niederlage. Ich aber muß noch eine Stunde liegen, ehe ich den richtigen Atem erschnappe. Pause. FÜRST steht auf. Aber sag, weißt du nicht, was sie alle eigentlich wollen? WÄCHTER: Aus dem Park hinaus. FÜRST: Warum aber? WÄCHTER: Das weiß ich nicht. FÜRST: Hast du sie nicht gefragt? WÄCHTER: Nein. FÜRST: Warum? WÄCHTER: Ich habe Scheu davor. Wenn du es aber willst, werde ich sie heute fragen. FÜRST erschrickt, laut: Heute! WÄCHTER sachverständig: Ja, heute. FÜRST: Und du ahnst auch nicht, was sie wollen? WÄCHTER nachdenklich: Nein. Pause. WÄCHTER: Manchmal, vielleicht sollte ich das noch sagen, kommt früh, während ich so ohne Atem liege, ich bin dann auch zu schwach, um die Augen zu öffnen, ein zartes, feucht und haarig anzufühlendes Wesen zu mir, eine Nachzüglerin, Komtessa Isabella. Sie betastet mich an vielen Stellen, greift in den Bart, fährt in ihrer Gänze mir am Hals unterm Kinn vorbei und pflegt zu sagen: »Die andern nicht, aber mich, aber mich laß hinaus.« Ich schüttle den Kopf so viel ich kann. »Zum Fürsten Leo, um ihm die Hand zu reichen.« Ich höre nicht auf, den Kopf zu schütteln. »Aber mich, aber mich«, höre ich noch, dann ist sie weg. Und mein Tochterkind kommt mit Decken, wickelt mich ein und wartet bei mir, bis ich selbst gehen kann. Ein außerordentlich gutes Mädchen. FÜRST: Ein unbekannter Name, Isabella. Pause. FÜRST: Die Hand mir zu reichen. Stellt sich zum Fenster, blickt hinaus. Diener durch Mitteltür. DIENER: Ihre Hoheit, die gnädige Frau Fürstin lassen bitten. FÜRST sieht zerstreut den Diener an - zum Wächter: Warte, bis ich komme. Links ab. Sofort durch Mitteltür Kammerherr, dann durch Tür rechts Obersthofmeister (jüngerer Mann, Offiziersuniform). WÄCHTER duckt sich wie vor Gespenstern hinter das Ruhebett und fuchtelt mit den Händen. OBERSTHOFMEISTER: Der Fürst ist weg? KAMMERHERR: Ihrem Rat gemäß hat ihn die Frau Fürstin jetzt rufen lassen. OBERSTHOFMEISTER: Gut. Wendet sich plötzlich, beugt sich hinter das Ruhebett. Und du, elendes Gespenst, wagst dich wahrhaftig hierher ins fürstliche Schloß. Fürchtest dich nicht vor dem gewaltigen Fußtritt, der dich aus dem Tor hinausbefördem wird? WÄCHTER: Ich bin, ich bin - OBERSTHOFMEISTER: Still, zunächst einmal still, ganz still - und hierher in den Winkel gesetzt! Zum Kammerherrn: Ich danke Ihnen für die Benachrichtigung von der neuen fürstlichen Laune. KAMMERHERR: Sie ließen mich fragen. OBERSTHOFMEISTER: Immerhin. Und nun ein vertrauliches Wort. Absichtlich vor dem Ding dort. Sie, Herr Graf, kokettieren mit der Gegenpartei. KAMMERHERR: Ist das eine Beschuldigung? OBERSTHOFMEISTFR: Vorläufig eine Befürchtung. KAMMERHERR: Dann kann ich antworten. Ich kokettiere nicht mit der Gegenpartei, denn ich erkenne sie nicht. Ich fühle die Strömungen, aber ich tauche mich nicht ein. Ich komme noch von der offenen Politik her, die unter Herzog Friedrich galt. Damals war im Hofdienst die einzige Politik, dem Fürsten zu dienen. Da er Junggeselle war, war dies erleichtert, aber es sollte niemals schwer sein. OBERSTHOFMEISTER: Sehr vernünftig. Nur zeigt die eigene Nase - und sei sie noch so treu - niemals dauernd den richtigen Weg, den zeigt nur der Verstand. Dieser aber muß sich entscheiden. Gesetzt den Fall, der Fürst sei auf Abwegen: dient man ihm, indem man ihn hinunterbegleitet, oder indem man ihn - in aller Ergebenheit - zurückjagt? Ohne Zweifel, indem man ihn zurückjagt. KAMMERHERR: Sie kamen mit der Fürstin von einem fremden Hof, sind ein halbes Jahr hier und wollen in den komplizierten Hofverhältnissen gleich den Schnitt auf Gut und Böse hin führen? OBERSTHOFMEISTER: Wer blinzelt, sieht nur Komplikationen. Wer die Augen offen hält, sieht in der ersten Stunde wie nach hundert Jahren das ewig Klare. Hier allerdings das traurig Klare, das sich aber schon in diesen Tagen einer hoffentlich guten Entscheidung nähert. KAMMERHERR: Ich kann nicht glauben, daß die Entscheidung, die Sie herbeiführen wollen und von der ich nur die Ankündigung kenne, eine gute sein wird. Ich fürchte, Sie mißverstehen unseren Fürsten, den Hof und alles hier. OBERSTHOFMEISTER: Ob verstanden oder mißverstanden, der gegenwärtige Zustand ist unerträglich. KAMMERHERR: Er mag unerträglich sein, aber er kommt aus dem Wesen der Dinge hier und wir würden ihn bis zum Ende tragen. OBERSTHOFMEISTER: Aber die Fürstin nicht, ich nicht, die zu uns halten, nicht. KAMMERHERR: Worin sehen Sie denn das Unerträgliche? OBERSTHOFMEISTER: Gerade angesichts der Entscheidung will ich offen reden. Der Fürst hat eine Doppelgestalt. Die eine beschäftigt sich mit der Regierung und schwankt geistesabwesend vor dem Volk, mißachtet die eigenen Rechte. Die andere sucht zugegebenermaßen sehr präzis nach Verstärkung ihres Fundaments. Sucht sie in der Vergangenheit und dort immerfort tiefer. Was für eine Verkennung der Sachlage! Eine Verkennung, die nicht ohne Größe ist, nur aber in ihrer Fehlerhaftigkeit noch größer als im Anblick. Kann Ihnen denn das entgehen? KAMMERHERR: Nicht gegen die Beschreibung, nur gegen die Beurteilung wende ich mich. OBERSTHOFMEISTER: Gegen die Beurteilung? Ich aber habe in der Hoffnung auf Ihre Zustimmung noch milder geurteilt, als es wirklich in meinem Sinn liegt. Ich halte das Urteil noch immer zurück, um Sie zu schonen. Nur dieses: Der Fürst bedarf in Wirklichkeit keiner Verstärkung seines Fundaments. Er gebrauche alle seine gegenwärtigen Machtmittel und er wird finden, daß sie genügen, um alles zu schaffen, was die höchstgespannte Verantwortung vor Gott und den Menschen von ihm fordern kann. Er scheut aber das Gleichgewicht des Lebens, er ist auf dem Wege zum Tyrannen. KAMMERHERR: Und sein bescheidenes Wesen! OBERSTHOFMEISTER: Bescheidenheit der einen Gestalt, weil er alle Kräfte für die zweite braucht, welche das Fundament zusammenscharrt, das etwa für den Babylonischen Turm ausreichen soll. Diese Arbeit ist zu hindern, das sollte die einzige Politik jener sein, denen an ihrem persönlichen Bestand, am Fürstentum, an der Fürstin und vielleicht sogar am Fürsten selbst gelegen ist. KAMMERHERR: »Vielleicht sogar« - Sie sind sehr offenherzig. Ihre Offenherzigkeit macht mich, um die Wahrheit zu sagen, vor der angekündigten Entscheidung zittern. Und ich bedauere es, wie ich es in letzter Zeit immer mehr bedauert habe, dem Fürsten bis zur eigenen Wehrlosigkeit treu zu sein. OBERSTHOFMEISTER: Alles ist klargestellt. Sie kokettieren nicht mit der Gegenpartei, sondern halten sogar eine Hand hin. Nur eine, das ist anerkennenswert für einen alten Hofbeamten. Doch bleibt Ihre einzige Hoffnung, daß unser großes Beispiel Sie mitreißt. KAMMERHERR: Was ich dagegen tun kann, werde ich tun. OBERSTHOFMEISTER: Es ängstigt mich nicht mehr auf den Wächter zeigend. Und du, der du so schön still sitzen kannst, hast du alles verstanden, was jetzt gesprochen wurde? KAMMERHERR: Der Gruftwächter? OBERSTHOFMEISTER: Der Gruftwächter. Man muß wahrscheinlich aus der Fremde kommen, um ihn zu erkennen. Nicht wahr, mein junge, altes Käuzchen du. Haben Sie ihn schon einmal am Abend durch den Forst fliegen sehn, von keinem Kunstschützen zu treffen. Aber bei Tage duckt er sich auf einen Wink. KAMMERHERR: Ich verstehe nicht. WÄCHTER fast weinend: Ihr zankt mit mir, Herr, und ich weiß nicht warum. Laßt mich, bitte, nach Hause gehn. Ich bin doch nichts Schlechtes, sondern der Gruftwächter. KAMMERHERR: Sie mißtrauen ihm. OBERSTHOFMEISTER: Mißtrauen? Nein, dazu ist er zu geringfügig. Aber ich will doch meine Hand auf ihn legen. Ich denke nämlich - nennen Sie es Laune oder Aberglauben - daß er nicht nur ein Werkzeug des Schlechten, sondern ganz ehrenhaft selbständiger Arbeiter im Schlechten ist. KAMMERHERR: Er dient etwa dreißig Jahre ruhig dem Hofe, ohne vielleicht jemals im Schlosse gewesen zu sein. OBERSTHOFMEISTER: Ach, solche Maulwürfe bauen lange Gänge, ehe sie hervorkommen. Plötzlich zum Wächter gewendet: Zunächst weg mit diesem! Zum Diener: Du führst ihn in den Friedrichspark, bleibst bei ihm und läßt ihn nicht mehr hinaus, bis auf weiteren Befehl. WÄCHTER in großer Angst: Ich soll auf Seine Hoheit den Fürsten warten. OBERSTHOFMEISTER: Ein Irrtum. - Pack dich. KAMMERHERR: Er muß schonend behandelt werden. Es ist ein alter kranker Mann und dem Fürsten ist irgendwie an ihm gelegen. WÄCHTER verbeugt sich tief vor dem Kammerherrn. OBERSTHOFMEISTER: Wie? Zum Diener: Behandle ihn schonend, aber schaff ihn schon endlich hinaus! Flink! DIENER Will zugreifen. KAMMERHERR tritt dazwischen: Nein, es muß ein Wagen geholt werden. OBERSTHOFMEISTER: Das ist die Hofluft. Ich kann kein Korn Salz herausschmecken. Also einen Wagen. Du überführst die Kostbarkeit in einem Wagen. Aber nun endlich aus dem Zimmer mit euch beiden. Zum Kammerherrn: Ihr Verhalten sagt mir - WÄCHTER fällt auf dem Weg zur Tür mit einem kleinen Schrei nieder. OBERSTHOFMEISTER stampft auf.- Ist es unmöglich, ihn loszuwerden. So nimm ihn doch auf den Arm, wenn es nicht anders geht. Begreife doch endlich, was man von dir will. KAMMERHERR: Der Fürst! DIENER öffnet die Tür links. OBERSTHOFMEISTER: Ah! Blick auf den Wächter: Ich hätte es wissen sollen, Gespenster sind nicht transportabel. FÜRST Mit schnellem Schritt, hinter ihm die Fürstin, dunkle junge Frau, Zähne zusammengebissen, bleibt an der Tür stehen. FÜRST: Was ist geschehn? OBERSTHOFMEISTER: Dem Wächter wurde übel, ich wollte ihn wegschaffen lassen. FÜRST: Man hätte mich benachrichtigen sollen. Ist der Arzt geholt? KAMMERHERR: Ich lasse ihn rufen. Eilt durch die Mitteltür hinaus, kommt gleich wieder. FÜRST während er beim Wächter niederkniet: Bereitet ein Bett für ihn! Holt eine Bahre! Kommt der Arzt schon? So lange bleibt er aus. Der Puls ist so schwach. Das nicht zu fühlende Herz. Das jämmerliche Rippenwerk. Wie abgebraucht das alles ist. Steht plötzlich auf, holt ein Wasserglas, wobei er um sich blickt. Man ist so unbeweglich. Kniet gleich wieder nieder, befeuchtet des Wächters Gesicht. Nun atmet er schon besser. Es wird nicht so schlimm, ein gesunder Stamm, noch im letzten Elend versagt er nicht. Aber der Arzt, der Arzt! Während er zur Tür blickt, hebt der Wächter die Hand und streichelt einmal des Fürsten Wange. FÜRSTIN wendet den Blick ab, zum Fenster. Diener mit Bahre, Fürst hilft beim Aufladen. FÜRST: Faßt ihn sanft an. Ach, mit eueren Tatzen! Den Kopf ein wenig heben. Näher die Bahre. Das Kissen tiefer unter den Rücken. Den Arm! Den Arm! Ihr seid schlechte, schlechte Krankenwärter. Ob ihr einmal auch so müde sein werdet, wie dieser auf der Bahre. - So - und nun allerallerlangsamsten Schritt. Und vor allem gleichmäßig. Ich bleibe hinter euch. In der Tür zur Fürstin: Das ist also der Gruftwächter. FÜRSTIN nickt. FÜRST: Ich dachte dir ihn anders zu zeigen. Nach einem weiteren Schritt: Willst du nicht mitkommen? FÜRSTIN: Ich bin so müde. FÜRST: Sobald ich mit dem Arzt gesprochen habe, komme ich hinüber. Und Sie, meine Herren, wollen mir berichten, warten Sie auf mich. Ab. OBERSTHOFMEISTER zur Fürstin: Bedürfen Hoheit meiner Dienste? FÜRSTIN: Immer. Für Ihre Wachsamkeit danke ich Ihnen. Lassen Sie von ihr nicht ab, auch wenn sie heute vergeblich war. Es geht um alles. Sie sehen mehr als ich. Ich bin in meinen Zimmern. Aber ich weiß, es wird trüber und trüber. Es ist diesmal ein über alle Maßen trauriger Herbst. Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit. Der Gruftwächter   Wer läutet draußen an der Tür  Wer läutet draußen an der Tür, kaum dass es sich erhellt? Ich geh schon, Schatz. Der Bub hat nur die Semmeln hingestellt. Wer läutet draußen an der Tür? Bleib nur; ich geh, mein Kind. Es war ein Mann, der fragte an beim Nachbarn, wer wir sind. Wer läutet draußen an der Tür? Lass ruhig die Wanne voll. Die Post ist da; der Brief ist nicht dabei, der kommen soll. Wer läutet draußen an der Tür? Leg die Betten aus. Der Hausbesorger war`s; wir solln am Ersten aus dem Haus. Wer läutet draußen an der Tür? Die Fuchsien blühn so nah. Pack, Liebste, mir mein Waschzeug ein und wein nicht, sie sind da. Theodor Kramer Wer läutet draußen an der Tür  Was es ist Es ist Unsinn sagt die Vernunft Es ist was es ist sagt die Liebe Es ist Unglück sagt die Berechnung Es ist nichts als Schmerz sagt die Angst Es ist aussichtslos sagt die Einsicht Es ist was es ist sagt die Liebe Es ist lächerlich sagt der Stolz Es ist leichtsinnig sagt die Vorsicht Es ist unmöglich sagt die Erfahrung Es ist was es ist sagt die Liebe Erich Fried Ein Landarzt Ich war in großer Verlegenheit: eine dringende Reise stand mir bevor; ein Schwerkranker wartete auf mich in einem zehn Meilen entfernten Dorfe; starkes Schneegestöber füllte den weiten Raum zwischen mir und ihm; einen Wagen hatte ich, leicht, großräderig, ganz wie er für unsere Landstraßen taugt; in den Pelz gepackt, die Instrumententasche in der Hand, stand ich reisefertig schon auf dem Hofe; aber das Pferd fehlte, das Pferd. Mein eigenes Pferd war in der letzten Nacht, infolge der Überanstrengung in diesem eisigen Winter, verendet; mein Dienstmädchen lief jetzt im Dorf umher, um ein Pferd geliehen zu bekommen; aber es war aussichtslos, ich wußte es, und immer mehr vom Schnee überhäuft, immer unbeweglicher werdend, stand ich zwecklos da. Am Tor erschien das Mädchen, allein, schwenkte die Laterne; natürlich wer leiht jetzt sein Pferd her zu solcher Fahrt? Ich durchmaß noch einmal den Hof; ich fand keine Möglichkeit; zerstreut, gequält stieß ich mit dem Fuß an die brüchige Tür des schon seit Jahren unbenützten Schweinestalles. Sie öffnete sich und klappte in den Angeln auf und zu. Wärme und Geruch wie von Pferden kam hervor. Eine trübe Stallaterne schwankte drin an einem Seil. Ein Mann, zusammengekauert in dem niedrigen Verschlag, zeigte sein offenes blauäugiges Gesicht. »Soll ich anspannen?« fragte er, auf allen vieren hervorkriechend. Ich wußte nichts zu sagen und beugte mich nur, um zu sehen, was es noch in dem Stalle gab. Das Dienstmädchen stand neben mir. »Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause vorrätig hat«, sagte es, und wir beide lachten. »Holla, Bruder, holla, Schwester!« rief der Pferdeknecht, und zwei Pferde, mächtige flankenstarke Tiere, schoben sich hintereinander, die Beine eng am Leib, die wohlgeformten Köpfe wie Kamele senkend, nur durch die Kraft der Wendungen ihres Rumpfes aus dem Türloch, das sie restlos ausfüllten. Aber gleich standen sie aufrecht, hochbeinig, mit dicht ausdampfendem Körper. »Hilf ihm«, sagte ich, und das willige Mädchen eilte, dem Knecht das Geschirr des Wagens zu reichen. Doch kaum war es bei ihm, umfaßt es der Knecht und schlägt sein Gesicht an ihres. Es schreit auf und flüchtet sich zu mir; rot eingedrückt sind zwei Zahnreihen in des Mädchens Wange. »Du Vieh«, schreie ich wütend, »willst du die Peitsche?«, besinne mich aber gleich, daß es ein Fremder ist; daß ich nicht weiß, woher er kommt, und daß er mir freiwillig aushilft, wo alle andern versagen. Als wisse er von meinen Gedanken, nimmt er meine Drohung nicht übel, sondern wendet sich nur einmal, immer mit den Pferden beschäftigt, nach mir um. »Steigt ein«, sagt er dann, und tatsächlich: alles ist bereit. Mit so schönem Gespann, das merke ich, bin ich noch nie gefahren, und ich steige fröhlich ein. »Kutschieren werde aber ich, du kennst nicht den Weg«, sage ich. »Gewiß«, sagt er, »ich fahre gar nicht mit, ich bleibe bei Rosa.« »Nein«, schreit Rosa und läuft im richtigen Vorgefühl der Unabwendbarkeit ihres Schicksals ins Haus; ich höre die Türkette klirren, die sie vorlegt; ich höre das Schloß einspringen; ich sehe, wie sie überdies im Flur und weiterjagend durch die Zimmer alle Lichter verlöscht, um sich unauffindbar zu machen. »Du fährst mit«, sage ich zu dem Knecht, »oder ich verzichte auf die Fahrt, so dringend sie auch ist. Es fällt mir nicht ein, dir für die Fahrt das Mädchen als Kaufpreis hinzugeben.« »Munter!« sagt er; klatscht in die Hände; der Wagen wird fortgerissen, wie Holz in die Strömung; noch höre ich, wie die Tür meines Hauses unter dem Ansturm des Knechts birst und splittert, dann sind mir Augen und Ohren von einem zu allen Sinnen gleichmäßig dringenden Sausen erfüllt. Aber auch das nur einen Augenblick, denn, als öffne sich unmittelbar vor meinem Hoftor der Hof meines Kranken, bin ich schon dort; ruhig stehen die Pferde; der Schneefall hat aufgehört; Mondlicht ringsum; die Eltern des Kranken eilen aus dem Haus; seine Schwester hinter ihnen; man hebt mich fast aus dem Wagen; den verwirrten Reden entnehme ich nichts; im Krankenzimmer ist die Luft kaum atembar; der vernachlässigte Herdofen raucht; ich werde das Fenster aufstoßen; zuerst aber will ich den Kranken sehen. Mager, ohne Fieber, nicht kalt, nicht warm, mit leeren Augen, ohne Hemd hebt sich der Junge unter dem Federbett, hängt sich an meinen Hals, flüstert mir ins Ohr: »Doktor, laß mich sterben.« Ich sehe mich um; niemand hat es gehört; die Eltern stehen stumm vorgebeugt und erwarten mein Urteil; die Schwester hat einen Stuhl für meine Handtasche gebracht. Ich öffne die Tasche und suche unter meinen Instrumenten; der Junge tastet immerfort aus dem Bett nach mir hin, um mich an seine Bitte zu erinnern; ich fasse eine Pinzette, prüfe sie im Kerzenlicht und lege sie wieder hin. 'Ja', denke ich lästernd, 'in solchen Fällen helfen die Götter, schicken das fehlende Pferd, fügen der Eile wegen noch ein zweites hinzu, spenden zum Übermaß noch den Pferdeknecht.' Jetzt erst fällt mir wieder Rosa ein; was tue ich, wie rette ich sie, wie ziehe ich sie unter diesem Pferdeknecht hervor, zehn Meilen von ihr entfernt, unbeherrschbare Pferde vor meinem Wagen? Diese Pferde, die jetzt die Riemen irgendwie gelockert haben; die Fenster, ich weiß nicht wie, von außen aufstoßen? jedes durch ein Fenster den Kopfstecken und, unbeirrt durch den Aufschrei der Familie, den Kranken betrachten. 'Ich fahre gleich wieder zurück', denke ich, als forderten mich die Pferde zur Reise auf, aber ich dulde es, daß die Schwester, die mich durch die Hitze betäubt glaubt, den Pelz mir abnimmt. Ein Glas Rum wird mir bereitgestellt, der Alte klopft mir auf die Schulter, die Hingabe seines Schatzes rechtfertigt diese Vertraulichkeit. Ich schüttle den Kopf; in dem engen Denkkreis des Alten würde mir übel; nur aus diesem Grunde lehne ich es ab zu trinken. Die Mutter steht am Bett und lockt mich hin; ich folge und lege, während ein Pferd laut zur Zimmerdecke wiehert, den Kopf an die Brust des Jungen, der unter meinem nassen Bart erschauert. Es bestätigt sich, was ich weiß: der Junge ist gesund, ein wenig schlecht durchblutet, von der sorgenden Mutter mit Kaffee durchtränkt, aber gesund und am besten mit einem Stoß aus dem Bett zu treiben. Ich bin kein Weltverbesserer und lasse ihn liegen. Ich bin vom Bezirk angestellt und tue meine Pflicht bis zum Rand, bis dorthin, wo es fast zu viel wird. Schlecht bezahlt, bin ich doch freigebig und hilfsbereit gegenüber den Armen. Noch für Rosa muß ich sorgen, dann mag der Junge recht haben und auch ich will sterben. Was tue ich hier in diesem endlosen Winter! Mein Pferd ist verendet, und da ist niemand im Dorf, der mir seines leiht. Aus dem Schweinestall muß ich mein Gespann ziehen; wären es nicht zufällig Pferde, müßte ich mit Säuen fahren. So ist es. Und ich nicke der Familie zu. Sie wissen nichts davon, und wenn sie es wüßten, würden sie es nicht glauben. Rezepte schreiben ist leicht, aber im übrigen sich mit den Leuten verständigen, ist schwer. Nun, hier wäre also mein Besuch zu Ende, man hat mich wieder einmal unnötig bemüht, daran bin ich gewöhnt, mit Hilfe meiner Nachtglocke martert mich der ganze Bezirk, aber daß ich diesmal auch noch Rosa hingeben mußte, dieses schöne Mädchen, das jahrelang, von mir kaum beachtet, in meinem Hause lebte - dieses Opfer ist zu groß, und ich muß es mir mit Spitzfindigkeiten aushilfsweise in meinem Kopf irgendwie zurechtlegen, um nicht auf diese Familie loszufahren, die mir ja beim besten Willen Rosa nicht zurückgeben kann. Als ich aber meine Handtasche schließe und nach meinem Pelz winke, die Familie beisammensteht, der Vater schnuppernd über dem Rumglas in seiner Hand, die Mutter, von mir wahrscheinlich enttäuscht - ja, was erwartet denn das Volk? - tränenvoll in die Lippen beißend und die Schwester ein schwer blutiges Handtuch schwenkend, bin ich irgendwie bereit, unter Umständen zuzugeben, daß der Junge doch vielleicht krank ist. Ich gehe zu ihm, er lächelt mir entgegen, als brächte ich ihm etwa die allerstärkste Suppe - ach, jetzt wiehern beide Pferde; der Lärm soll wohl, höhern Orts angeordnet, die Untersuchung erleichtern - und nun finde ich: ja, der Junge ist krank. In seiner rechten Seite, in der Hüftengegend hat sich eine handtellergroße Wunde aufgetan. Rosa, in vielen Schattierungen, dunkel in der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern, zartkörnig, mit ungleichmäßig sich aufsammelndem Blut, offen wie ein Bergwerk obertags. So aus der Entfernung. In der Nähe zeigt sich noch eine Erschwerung. Wer kann das ansehen ohne leise zu pfeifen? Würmer, an Stärke und Länge meinem kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem und außerdem blutbespritzt, winden sich, im Innern der Wunde festgehalten, mit weißen Köpfchen, mit vielen Beinchen ans Licht. Armer Junge, dir ist nicht zu helfen. Ich habe deine große Wunde aufgefunden; an dieser Blume in deiner Seite gehst du zugrunde. Die Familie ist glücklich, sie sieht mich in Tätigkeit; die Schwester sagt's der Mutter, die Mutter dem Vater, der Vater einigen Gästen, die auf den Fußspitzen, mit ausgestreckten Armen balancierend, durch den Mondschein der offenen Tür hereinkommen. »Wirst du mich retten?« flüstert schluchzend der Junge, ganz geblendet durch das Leben in seiner Wunde. So sind die Leute in meiner Gegend. Immer das Unmögliche vom Arzt verlangen. Den alten Glauben haben sie verloren; der Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die Meßgewänder, eines nach dem andern; aber der Arzt soll alles leisten mit seiner zarten chirurgischen Hand. Nun, wie es beliebt: ich habe mich nicht angeboten; verbraucht ihr mich zu heiligen Zwecken, lasse ich auch das mit mir geschehen; was will ich Besseres, alter Landarzt, meines Dienstmädchens beraubt! Und sie kommen, die Familie und die Dorfältesten, und entkleiden mich; ein Schulchor mit dem Lehrer an der Spitze steht vor dem Haus und singt eine äußerst einfache Melodie auf den Text: »Entkleidet ihn, dann wird er heilen, Und heilt er nicht, so tötet ihn! 's ist nur ein Arzt, 's ist nur ein Arzt.« Dann bin ich entkleidet und sehe, die Finger im Barte, mit geneigtem Kopf die Leute ruhig an. Ich bin durchaus gefaßt und allen überlegen und bleibe es auch, trotzdem es mir nichts hilft, denn jetzt nehmen sie mich beim Kopf und bei den Füßen und tragen mich ins Bett. Zur Mauer, an die Seite der Wunde legen sie mich. Dann gehen alle aus der Stube; die Tür wird zugemacht; der Gesang verstummt; Wolken treten vor den Mond; warm liegt das Bettzeug um mich, schattenhaft schwanken die Pferdeköpfe in den Fensterlöchern. »Weißt du«, höre ich, mir ins Ohr gesagt, »mein Vertrauen zu dir ist sehr gering. Du bist ja auch nur irgendwo abgeschüttelt, kommst nicht auf eigenen Füßen. Statt zu helfen, engst du mir mein Sterbebett ein. Am liebsten kratzte ich dir die Augen aus.« »Richtig«, sage ich, »es ist eine Schmach. Nun bin ich aber Arzt. Was soll ich tun? Glaube mir, es wird auch mir nicht leicht.« »Mit dieser Entschuldigung soll ich mich begnügen? Ach, ich muß wohl. Immer muß ich mich begnügen. Mit einer schönen Wunde kam ich auf die Welt; das war meine ganze Ausstattung.« »Junger Freund«, sage ich, »dein Fehler ist: du hast keinen Überblick. Ich, der ich schon in allen Krankenstuben, weit und breit, gewesen bin, sage dir: deine Wunde ist so übel nicht. Im spitzen Winkel mit zwei Hieben der Hacke geschaffen. Viele bieten ihre Seite an und hören kaum die Hacke im Forst, geschweige denn, daß sie ihnen näher kommt.« »Ist es wirklich so oder täuschest du mich im Fieber?« »Es ist wirklich so, nimm das Ehrenwort eines Amtsarztes mit hinüber.« Und er nahm's und wurde still. Aber jetzt war es Zeit, an meine Rettung zu denken. Noch standen treu die Pferde an ihren Plätzen. Kleider, Pelz und Tasche waren schnell zusammengerafft; mit dem Ankleiden wollte ich mich nicht aufhalten; beeilten sich die Pferde wie auf der Herfahrt, sprang ich ja gewissermaßen aus diesem Bett in meines. Gehorsam zog sich ein Pferd vom Fenster zurück; ich warf den Ballen in den Wagen; der Pelz flog zu weit, nur mit einem Ärmel hielt er sich an einem Haken fest. Gut genug. Ich schwang mich aufs Pferd. Die Riemen lose schleifend, ein Pferd kaum mit dem andern verbunden, der Wagen irrend hinterher, den Pelz als letzter im Schnee. »Munter!« sagte ich, aber munter ging's nicht; langsam wie alte Männer zogen wir durch die Schneewüste; lange klang hinter uns der neue, aber irrtümliche Gesang der Kinder: »Freuet euch, ihr Patienten, Der Arzt ist euch ins Bett gelegt!« Niemals komme ich so nach Hause; meine blühende Praxis ist verloren; ein Nachfolger bestiehlt mich, aber ohne Nutzen, denn er kann mich nicht ersetzen; in meinem Hause wütet der ekle Pferdeknecht; Rosa ist sein Opfer; ich will es nicht ausdenken. Nackt, dem Froste dieses unglückseligsten Zeitalters ausgesetzt, mit irdischem Wagen, unirdischen Pferden, treibe ich alter Mann mich umher. Mein Pelz hängt hinten am Wagen, ich kann ihn aber nicht erreichen, und keiner aus dem beweglichen Gesindel der Patienten rührt den Finger. Betrogen! Betrogen! Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt - es ist niemals gutzumachen. Franz Kafka  Ein Landarzt Filippo Tommaso Marinetti: Manifest des Futurismus Richard Strauß (1864-1949), Vier letzte Lieder nach Texten von Hermann Hesse (1877-1962) und Joseph von Eichendorff (1788-1857) Frühling In dämmrigen Grüften träumte ich lang von deinen Bäumen und blauen Lüften, von deinem Duft und Vogelgesang. Nun liegst du erschlossen in Gleiß und Zier, von Licht übergossen wie ein Wunder vor mir. Du kennest mich wieder, du lockest mich zart, es zittert durch all meine Glieder deine selige Gegenwart! September Der Garten trauert, kühl sinkt in die Blumen der Regen. Der Sommer schauert still seinem Ende entgegen. Golden tropft Blatt um Blatt nieder vom hohen Akazienbaum. Sommer lächelt erstaunt und matt in den sterbenden Gartentraum. Lange noch bei den Rosen bleibt er stehen, sehnt sich nach Ruh. Langsam tut er die (großen) müdgewordnen Augen zu. Beim Schlafengehen Nun der Tag mich müd gemacht, soll mein sehnliches Verlangen freundlich die gestirnte Nacht wie ein müdes Kind empfangen. Hände, laßt von allem Tun, Stirn, vergiß du alles Denken, alle meine Sinne nun wollen sich in Schlummer senken. Und die Seele unbewacht will in freien Flügen schweben, um im Zauberkreis der Nacht tief und tausendfach zu leben. Im Abendrot Wir sind durch Not und Freude gegangen Hand in Hand, vom Wandern ruhen wir (beide) nun überm stillen Land. Rings sich die Täler neigen, es dunkelt schon die Luft, zwei Lerchen nur noch steigen nachträumend in den Duft. Tritt her, und laß sie schwirren, bald ist es Schlafenszeit, daß wir uns nicht verirren in dieser Einsamkeit. O weiter, stiller Friede! So tief im Abendrot, wie sind wir wandermüde - ist dies etwa der Tod? Richard Strauß Vier letzte Lieder nach Texten von Hermann Hesse und Joseph von Eichendorff Filippo Tommaso Marinetti: Manifest des Futurismus erschienen in: Le Figaro, Paris, 20. Februar 1909   1.Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit. 2.Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein. 3.Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag. 4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen,  dessen  Karosserie große  Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . .. ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. 5. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt. 6. Der Dichter muß sich glühend, glanzvoll und freigebig verschwenden, um die leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu vermehren. 7. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefaßt werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor dem Menschen zu beugen. 8. Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! ... Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen. 9. Wir wollen den Krieg verherrlichen — diese einzige Hygiene der Welt -, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes. 10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht. 11. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen, und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.   Von Italien aus schleudern wir unser Manifest voll mitreißender und zündender Heftigkeit in die Welt, mit dem wir heute den Futurismus gründen, denn wir wollen dieses Land von dem Krebsgeschwür der Professoren, Archäologen, Fremdenführer und Antiquare befreien. Schon zu lange ist Italien ein Markt von Trödlern. Wir wollen es von den unzähligen Museen befreien, die es wie zahllose Friedhöfe über und über bedecken. Museen; Friedhöfe! . .. Wahrlich identisch in dem unheilvollen Durcheinander von vielen Körpern, die einander nicht kennen. Museen: öffentliche Schlafsäle, in denen man für immer neben verhaßten oder unbekannten Wesen schläft! Museen: absurde Schlachthöfe der Maler und Bildhauer, die sich gegenseitig wild mit Farben und Linien entlang der umkämpften Ausstellungswände abschlachten! Einmal im Jahr mögt ihr dahin pilgern, wie man zu Allerseelen auf den Friedhof geht . . . das gestatte ich euch. Einmal im Jahr mögt ihr einen Blumenstrauß vor der Mona Lisa niederlegen, . . . das gestatte ich euch . . . Aber ich lasse nicht zu, daß man täglich in den Museen unser kümmerliches Dasein, unseren gebrechlichen Mut und unsere krankhafte Unruhe spazieren führt. Warum will man sich vergiften? Warum will man verfaulen? Und was kann man auf einem alten Bilde schon anderes sehen als die mühseligen Verrenkungen des Künstlers, der sich abmühte, die unüberwindbaren Schranken zu durchbrechen, die sich seinem Wunsch entgegenstellen, seinen Traum voll und ganz zu verwirklichen? . . . Ein altes Bild bewundern, heißt, unsere Sensibilität in eine Aschenurne schütten, anstatt sie weit und kräftig ausstrahlen zu lassen in Schöpfung und Tat. Wollt ihr denn eure besten Kräfte in dieser ewigen und unnützen Bewunderung der Vergangenheit vergeuden, aus der ihr schließlich erschöpft, ärmer und geschlagen hervorgehen werdet? Wahrlich, ich erkläre euch, daß der tägliche Besuch von Museen, Bibliotheken und Akademien (diesen Friedhöfen vergeblicher Anstrengungen, diesen Kalvarienbergen gekreuzigter Träume, diesen Registern gebrochenen Schwunges) für die Künstler ebenso schädlich ist wie eine zu lange Vormundschaft der Eltern für manche Jünglinge, die ihr Genie und ihr ehrgeiziger Wille trunken machen. Für die Sterbenden, für die Kranken, für die Gefangenen mag das angehen: — die bewundernswürdige Vergangenheit ist vielleicht ein Balsam für ihre Leiden, da ihnen die Zukunft versperrt ist ... Aber wir wollen von der Vergangenheit nichts wissen, wir jungen und starken Futuristen! Mögen also die lustigen Brandstifter mit ihren verkohlten Fingern kommen! Hier! Da sind sie! ... Drauf! Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken! . .. Leitet den Lauf der Kanäle ab, um die Museen zu überschwemmen! ... Oh, welche Freude, auf dem Wasser die alten, ruhmreichen Bilder zerfetzt und entfärbt treiben zu sehen! ... Ergreift die Spitzhacken, die Äxte und die Hämmer und reißt nieder, reißt ohne Erbarmen die ehrwürdigen Städte nieder! Die Ältesten von uns sind jetzt dreißig Jahre alt; es bleibt uns also mindestens ein Jahrzehnt, um unser Werk zu vollbringen. Wenn wir vierzig sind, mögen andere, jüngere und tüchtigere Männer uns ruhig wie nutzlose Manuskripte in den Papierkorb werfen. Wir wünschen es so! Unsere Nachfolger werden uns entgegentreten; von weither werden sie kommen, von allen Seiten, sie werden auf dem beflügelten Rhythmus ihrer ersten Gesänge tanzen, ihre gebogenen Raubvögelkrallen werden sie ausstrecken, und an den Türen der Akademien werden sie wie Hunde den guten Geruch unseres verwesenden Geistes wittern, der bereits den Katakomben der Bibliotheken geweiht ist. Aber wir werden nicht da sein! . . . Sie werden uns schließlich finden - in einer Winternacht - auf offenem Feld, unter einem traurigen Hangar, auf den ein eintöniger Regen trommelt, sie werden uns neben unseren Flugzeugen hocken sehen, zitternd und bemüht sein, uns an dem kümmerlichen kleinen Feuer zu wärmen, das unsere Bücher von heute geben, die unter dem Flug unserer Bilder auflodern. Sie werden uns alle lärmend umringen, vor Angst und Bosheit keuchend, und werden sich, durch unsere stolze, unermüdliche Kühnheit erbittert, auf uns stürzen, um uns zu töten, und der Haß, der sie treibt, wird unversöhnlich sein, weil ihre Herzen voll von Liebe und Bewunderung für uns sind. Die starke und gesunde Ungerechtigkeit wird hell aus ihren Augen strahlen. Denn Kunst kann nur Heftigkeit, Grausamkeit und Ungerechtigkeit sein. Die Ältesten von uns sind dreißig Jahre alt: trotzdem haben wir bereits Schätze verschleudert, tausend Schätze an Kraft, Liebe, Kühnheit, List und rauhem Willen; ungeduldig haben wir sie weggeworfen, in Hast, ohne zu zählen, ohne je zu zögern, ohne uns je auszuruhen, ohne Atem zu schöpfen ... Schaut uns an! Noch sind wir nicht außer Atem! Unsere Herzen kennen noch keine Müdigkeit, denn Feuer, Haß und Geschwindigkeit nähren sie! ... Das wundert euch? . . . Das ist logisch, denn ihr erinnert euch ja nicht einmal daran, gelebt zu haben! Aufrecht auf dem Gipfel der Welt, schleudern wir noch einmal unsere Herausforderung den Sternen zu Ihr macht Einwendungen? . . . Genug! Genug! Die kennen wir . . . Wir haben begriffen! ... Unsere schöne, verlogene Intelligenz sagt uns, daß wir der Abschluß und der Neubeginn unserer Ahnen sind. - Vielleicht! ... Es sei! ... Was schadet es denn? Wir wollen nichts begreifen! . . . Wehe dem, der uns diese infamen Worte noch einmal sagt! . .. Kopf hoch! . . .   Aufrecht auf dem Gipfel der Welt schleudern wir noch einmal unsere Herausforderung den Sternen zu! Mark Twain: Über die Deutsche Sprache Mark Twain: Über die Deutsche Sprache Ich ging oft ins Heidelberger Schloss, um mir das Raritätenkabinett anzusehen, und eines Tages überraschte ich den Leiter mit meinem Deutsch, und zwar redete ich ausschließlich in dieser Sprache. Er zeigte großes Interesse; und nachdem ich eine Weile geredet hatte, sagte er, mein Deutsch sei sehr selten, möglicherweise ein „Unikat“; er wolle es in sein Museum aufnehmen. Wenn er gewusst hätte, was es mich gekostet hat, meine Kunst zu erwerben, so hätte er auch gewusst, dass es jeden Sammler ruinieren würde, sie zu kaufen. Harris und ich arbeiteten zu dieser Zeit bereits seit mehreren Wochen hart an unserem Deutsch, und wir hatten zwar gute Fortschritte gemacht, aber doch nur unter großen Schwierigkeiten und allerhand Verdruss, denn drei unserer Lehrer waren in der Zwischenzeit gestorben. Wer nie Deutsch gelernt hat, macht sich keinen Begriff, wie verwirrend diese Sprache ist. Es gibt ganz gewiss keine andere Sprache, die so unordentlich und systemlos daherkommt und dermaßen jedem Zugriff entschlüpft. Aufs Hilfloseste wird man in ihr hin und her geschwemmt, und wenn man glaubt, man habe endlich eine Regel zu fassen bekommen, die im tosenden Aufruhr der zehn Wortarten festen Boden zum Verschnaufen verspricht, blättert man um und liest: „Der Lernende merke sich die folgenden Ausnahmen.“ Man überfliegt die Liste und stellt fest, dass es mehr Ausnahmen als Beispiele für diese Regel gibt. Also springt man abermals über Bord, um nach einem neuen Ararat zu suchen, und was man findet, ist neuer Treibsand. Dies war und ist auch jetzt noch meine Erfahrung. Jedes Mal, wenn ich glaube, ich hätte einen dieser vier verwirrenden Fälle endlich da, wo ich ihn beherrsche, schleicht sich, mit furchtbarer und unvermuteter Macht ausgestattet, eine scheinbar unbedeutende Präposition in meinen Satz und zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Zum Beispiel fragt mein Buch nach einem gewissen Vogel (es fragt immerzu nach Dingen, die für niemanden irgendwelche Bedeutung haben): „Wo ist der Vogel?“ Die Antwort auf diese Frage lautet – gemäß dem Buch –, dass der Vogel in der Schmiede wartet, wegen des Regens. Natürlich würde kein Vogel so etwas tun, aber ich muss mich an das Buch halten. Schön und gut, ich mache mich also daran, das Deutsch für diese Antwort zusammenzuklauben. Ich fange am falschen Ende an, das muss so sein, denn das ist die deutsche Idee. Ich sage mir: „‚Regen‘ (rain) ist Maskulinum – oder vielleicht Femininum – oder auch Neutrum – es ist zu mühsam, das jetzt nachzuschlagen. Es heißt also entweder der (the) Regen oder die (the) Regen oder das (the) Regen – je nachdem, welches Geschlecht das Wort hat, wenn ich nachsehe. Im Interesse der Wissenschaft will ich einmal von der Hypothese ausgehen, es sei Maskulinum. Gut – der Regen ist der Regen, wenn er im Ruhezustand, ohne Ergänzung oder weitere Erörterung, lediglich erwähnt wird – Nominativ; aber falls der Regen herumliegt, etwa so ganz allgemein auf dem Boden, dann ist er örtlich fixiert, er tut etwas, nämlich er liegt (was nach den Vorstellungen der deutschen Grammatik eine Tätigkeit ist), und das wirft den Regen in den Dativ und macht aus ihm dem Regen. Dieser Regen jedoch liegt nicht, sondern er tut etwas Aktives – er fällt (wahrscheinlich um den Vogel zu ärgern), und das deutet auf Bewegung hin, die wiederum bewirkt, dass er in den Akkusativ rutscht und sich aus dem Regen in den Regen verwandelt.“ Damit ist das grammatikalische Horoskop für diesen Fall abgeschlossen, und ich gebe zuversichtlich Antwort und erkläre auf Deutsch, dass der Vogel sich „wegen den Regen“ in der Schmiede aufhält. Sofort fällt mir der Lehrer sanft in den Rücken mit der Bemerkung, dass das Wort „wegen“, wenn es in einen Satz einbricht, den betroffenen Gegenstand immer und ohne Rücksicht auf die Folgen in den Genitiv befördere – und dass dieser Vogel daher „wegen des Regens“ in der Schmiede gewartet habe. N. B. Von höherer Stelle erfuhr ich später, dass es hier eine „Ausnahme“ gebe, die es einem erlaube, in gewissen eigentümlichen und komplizierten Umständen „wegen den Regen“ zu sagen; aber diese Ausnahme gelte wirklich für nichts anderes als für den Regen. Es gibt zehn Wortarten, und alle zehn machen Ärger. Ein durchschnittlicher Satz in einer deutschen Zeitung ist eine erhabene, eindrucksvolle Kuriosität; er nimmt ein Viertel einer Spalte ein; er enthält sämtliche zehn Wortarten – nicht in ordentlicher Reihenfolge, sondern durcheinander; er besteht hauptsächlich aus zusammengesetzten Wörtern, die der Verfasser an Ort und Stelle gebildet hat, sodass sie in keinem Wörterbuch zu finden sind – sechs oder sieben Wörter zu einem zusammengepackt, und zwar ohne Gelenk und Naht, das heißt: ohne Bindestriche; er behandelt vierzehn oder fünfzehn verschiedene Themen, von denen jedes in seine eigene Parenthese eingeschlossen ist, und jeweils drei oder vier dieser Parenthesen werden hier und dort durch eine zusätzliche Parenthese abermals eingeschlossen, sodass Pferche innerhalb von Pferchen entstehen; schließlich werden alle diese Parenthesen und Überparenthesen in einer Hauptparenthese zusammengefasst, die in der ersten Zeile des majestätischen Satzes anfängt und in der Mitte seiner letzten Zeile aufhört – und danach kommt das Verb, und man erfährt zum ersten Mal, wovon die ganze Zeit die Rede war; und nach dem Verb hängt der Verfasser noch „haben sind gewesen gehabt haben geworden sein“ oder etwas dergleichen an – rein zur Verzierung, soweit ich das ergründen konnte –, und das Monument ist fertig. Ich nehme an, dieses abschließende Hurra ist so etwas wie der Schnörkel an einer Unterschrift – nicht notwendig, aber hübsch. Deutsche Bücher sind recht einfach zu lesen, wenn man sie vor einen Spiegel hält oder sich auf den Kopf stellt, um die Konstruktion herumzudrehen, aber eine deutsche Zeitung zu lesen und zu verstehen wird für den Ausländer wohl immer eine Unmöglichkeit bleiben. Doch selbst deutsche Bücher sind nicht völlig frei von Anfällen der Parenthesekrankheit, wenn sie hier auch gewöhnlich so milde verläuft, dass sie nur ein paar Zeilen in Mitleidenschaft zieht. Man kann daher dem Verb, wenn man es endlich erreicht, einige Bedeutung abgewinnen, erinnert man sich doch noch an ein gut Teil des Voraufgehenden. Nun, hier ist ein Satz aus einem beliebten, vortrefflichen deutschen Roman – mit einer kleinen Parenthese darin. Ich werde eine absolut wörtliche Übersetzung anfertigen und zur Leseerleichterung Parentheseklammern und einige Bindestriche einstreuen – im Original gibt es weder Parentheseklammern noch Bindestriche, und es bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als sich zum weit entfernten Verb durchzuschlagen, so gut er kann: “But when he, upon the street, the (in-satin-and-silk-covered-now-very-unconstrained-after- the-newest-fashion-dressed) government counselor’s wife met” usw. usw.1 Dieser Satz stammt aus dem „Geheimnis der alten Mamsell“ von Frau Marlitt und ist nach dem anerkanntesten deutschen Modell konstruiert. Man beachte, wie weit das Verb von der Ausgangsbasis des Lesers entfernt liegt; nun, in deutschen Zeitungen bringt man das Verb erst auf der nächsten Seite, und ich habe gehört, dass die Leute manchmal, nachdem sie sich ein, zwei Spalten lang in aufregenden Präliminarien und Parenthesen ergangen haben, in Eile geraten und schließlich drucken müssen, ohne überhaupt bis zum Verb vorgestoßen zu sein, was natürlich dazu führt, dass der Leser in einem Zustand größter Erschöpfung und Unkenntnis zurückgelassen wird. Auch in unserer Literatur gibt es die Parenthesekrankheit, und man kann tagtäglich in unseren Büchern und Zeitungen Fälle davon entdecken, aber bei uns verraten sie einen ungeübten Schreiber oder einen unklaren Geist, während sie bei den Deutschen zweifellos das Zeichen für eine geübte Feder und das Vorhandensein jenes lichten geistigen Nebels sind, der bei diesem Volk als Klarheit gilt. Denn es ist ganz gewiss keine Klarheit – es kann einfach nicht Klarheit sein. Selbst eine Jury von Geschworenen wäre scharfsinnig genug, um das zu erkennen. Die Gedanken eines Autors müssen schon mächtig verwirrt und in Unordnung sein, wenn er sich zu der Feststellung anschickt, dass ein Mann der Frau eines Regierungsrates auf der Straße begegnet, und dann inmitten dieses so schlichten Unterfangens die beiden näher kommenden Leute anhält und stillstehen lässt, bis er ein Verzeichnis von der Kleidung der Frau angefertigt hat. Das ist eindeutig absurd. Es erinnert einen an jene Zahnärzte, die sich unser augenblickliches und atemverschlagendes Interesse für einen Zahn sichern, indem sie ihn mit der Zange packen und dann dastehen und lang und breit einen lahmen Witz erzählen, bevor sie zu dem gefürchteten plötzlichen Ruck übergehen. In der Literatur und in der Zahnheilkunde sind Parenthesen schlechter Geschmack. Die Deutschen kennen noch eine weitere Form der Parenthese, die sie herstellen, indem sie ein Verb spalten und die eine Hälfte an den Anfang eines spannenden Kapitels setzen und die andere Hälfte an den Schluss. Kann man sich etwas Verwirrenderes vorstellen? Diese Dinger heißen „trennbare Verben“. Die deutsche Grammatik ist geradezu übersät mit trennbaren Verben, und je weiter die beiden Teile auseinander gerissen werden, desto zufriedener ist der Urheber des Verbrechens mit seiner Leistung. Eines der beliebtesten Exemplare ist reiste ab – was „departed“ bedeutet. Hier ist ein Beispiel, das ich in einem Roman aufgelesen und ins Englische übertragen habe: “The trunks being now ready, he de- after kissing his mother and sisters, and once more pressing to his bosom his adored Gretchen, who, dressed in simple white muslin, with a single tuberose in the ample folds of her rich brown hair, had tottered feebly down the stairs, still pale from the terror and excitement of the past evening, but longing to lay her poor aching head yet once again upon the breast of him whom she loved more dearly than life itself, parted.”2 Es ist jedoch nicht ratsam, zu lange bei den trennbaren Verben zu verweilen. Man verliert bald unweigerlich die Beherrschung, und wenn man bei dem Thema bleibt und sich nicht warnen lässt, weicht schließlich das Gehirn davon auf oder versteinert. Personalpronomen und Adjektive sind eine ewige Plage in dieser Sprache, und man hätte sie besser weggelassen. Das Wort „sie“ zum Beispiel bedeutet sowohl „you“ als auch „she“ als auch „her“ als auch „it“ als auch „they“ als auch „them“. Man stelle sich die bittere Armut einer Sprache vor, in der ein einziges Wort die Arbeit von sechs tun muss – noch dazu ein so armes, kleines, schwaches Ding von nur drei Buchstaben. Vor allem aber stelle man sich die Verzweiflung vor, nie zu wissen, welche dieser Bedeutungen der Sprecher gerade meint. Das erklärt auch, warum ich im Allgemeinen jeden, der „sie“ zu mir sagt, umzubringen versuche, sofern ich ihn nicht kenne. Nun zum Adjektiv. Hier haben wir einen Fall, in dem Einfachheit ein Vorzug gewesen wäre, und nur aus diesem und aus keinem anderen Grund hat der Erfinder das Adjektiv so kompliziert gestaltet, wie es eben ging. Wenn wir in unserer eigenen aufgeklärten Sprache von unserem „good friend“ oder unseren „good friends“ sprechen wollen, bleiben wir bei der einen Form, und es gibt deswegen keinen Ärger und kein böses Blut. Im Deutschen jedoch ist das anders. Wenn einem Deutschen ein Adjektiv in die Finger fällt, dekliniert und dekliniert und dekliniert er es, bis aller gesunde Menschenverstand herausdekliniert ist. Es ist so schlimm wie im Lateinischen. Er sagt zum Beispiel: Singular Nominativ: Mein guter Freund (my good friend) Genitiv: Meines guten Freundes (of my good friend) Dativ: Meinem guten Freunde (to my good friend) Akkusativ: Meinen guten Freund (my good friend) Plural N.: Meine guten Freunde (my good friends) G.: Meiner guten Freunde (of my good friends) D.: Meinen guten Freunden (to my good friends) A.: Meine guten Freunde (my good friends) Nun darf der Kandidat fürs Irrenhaus versuchen, diese Variationen auswendig zu lernen – man wird ihn im Nu wählen. Vielleicht sollte man in Deutschland lieber auf Freunde verzichten, als sich all diese Mühe mit ihnen zu machen. Ich habe gezeigt, wie lästig es ist, einen guten (männlichen) Freund zu deklinieren; das ist aber erst ein Drittel der Arbeit, denn man muss eine Vielzahl neuer Verdrehungen des Adjektivs dazulernen, wenn der Gegenstand der Bemühungen weiblich ist, und noch weitere, wenn er sächlich ist. Nun gibt es aber in dieser Sprache mehr Adjektive als schwarze Katzen in der Schweiz, und sie müssen alle ebenso kunstvoll gebeugt werden wie das oben angeführte Beispiel. Schwierig? Mühsam? Diese Worte können es nicht beschreiben. Ich habe einen Studenten aus Kalifornien in Heidelberg in einem seiner ruhigsten Augenblicke sagen hören, lieber beuge er hundertmal beide Knie als auch nur einmal ein einziges Adjektiv, und es handelte sich nicht etwa um einen Turner. Der Erfinder dieser Sprache scheint sich einen Spaß daraus gemacht zu haben, sie auf jede Art, die ihm nur in den Sinn kam, zu komplizieren. Wenn man zum Beispiel ein Haus oder ein Pferd oder einen Hund beiläufig erwähnt, schreibt man diese Wörter wie angegeben; aber wenn man sich auf sie im Dativ bezieht, hängt man ein närrisches und unnötiges e an und schreibt sie „Hause“, „Pferde“, „Hunde“. Da nun ein e oft den Plural bezeichnet (wie bei uns das s), kann es dem Anfänger leicht passieren, dass er zwei Monate lang aus einem Dativhund Zwillinge macht, bevor er seinen Irrtum entdeckt; und auf der anderen Seite hat manch ein Anfänger, der sich solche Einbuße nur schlecht leisten konnte, zwei Hunde erworben und bezahlt und nur einen von ihnen erhalten, da er diesen Hund unwissentlich im Dativ Singular kaufte, während er im Plural zu sprechen glaubte – wobei das Recht gemäß den strengen Gesetzen der Grammatik natürlich auf Seiten des Verkäufers war und das verlorene Geld daher nicht eingeklagt werden konnte. Im Deutschen beginnen alle Substantive mit einem großen Buchstaben. Das ist nun wahrhaftig mal eine gute Idee, und eine gute Idee fällt in dieser Sprache durch ihr Alleinstehen notwendigerweise auf. Ich halte diese Großschreibung der Substantive darum für eine gute Idee, weil man ihr zufolge ein Substantiv fast immer erkennen kann, sobald man es sieht. Hin und wieder irrt man sich allerdings und nimmt den Namen einer Person fälschlich für den einer Sache und verschwendet viel Zeit darauf, einen Sinn aus dem Ganzen herauszulesen. Deutsche Namen bedeuten fast immer etwas, und das fördert die Täuschung des Lernbeflissenen. Ich übersetzte eines Tages einen Satz, in dem es hieß, die wütende Tigerin habe sich losgerissen und „den unglückseligen Tannenwald gänzlich aufgefressen“. Schon rüstete ich mich, dies zu bezweifeln, da fand ich heraus, dass Tannenwald in diesem Falle der Name eines Mannes war. Jedes Substantiv hat sein grammatisches Geschlecht, und die Verteilung ist ohne Sinn und Methode. Man muss daher bei jedem Substantiv das Geschlecht eigens mitlernen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Um das fertig zu bringen, braucht man ein Gedächtnis wie ein Terminkalender. Im Deutschen hat ein Fräulein kein Geschlecht, eine Rübe dagegen schon. Welch eine übermäßige Hochachtung vor der Rübe und welch eine kaltherzige Missachtung des Mädchens verrät sich hier! Sehen Sie einmal, wie es sich gedruckt ausnimmt – ich übersetze im Folgenden ein Gespräch aus einem der besten deutschen Sonntagsschulbücher: Gretchen: “Wilhelm, where is the turnip?” Wilhelm: “She has gone to the kitchen.” Gretchen: “Where is the accomplished and beautiful English maiden?” Wilhelm: “It has gone to the opera.”3 Um mit den deutschen Geschlechtern fortzufahren: Ein Baum ist männlich, seine Knospen sind weiblich, seine Blätter sächlich; Pferde sind geschlechtslos, Hunde sind männlich, Katzen weiblich – Kater natürlich inbegriffen; Mund, Hals, Busen, Ellenbogen, Finger, Nägel, Füße und Rumpf eines Menschen sind männlichen Geschlechts; was auf dem Hals sitzt, ist entweder männlich oder sächlich, aber das richtet sich nach dem Wort, das man dafür benutzt, und nicht etwa nach dem Geschlecht des tragenden Individuums, denn in Deutschland haben alle Frauen entweder einen männlichen „Kopf“ oder ein geschlechtsloses „Haupt“. Nase, Lippen, Schultern, Brust, Hände, Hüften und Zehen eines Menschen sind weiblich, und sein Haar, seine Ohren, Augen, Beine, Knie, sein Kinn, sein Herz und sein Gewissen haben gar kein Geschlecht. Was der Erfinder der Sprache vom Gewissen wusste, wird er wohl vom Hörensagen gewusst haben. Aus obiger Sektion wird der Leser ersehen, dass in Deutschland ein Mann zwar glauben mag, er sei ein Mann, aber sobald er sich die Sache genauer ansieht, müssen ihm Zweifel kommen: Er findet heraus, dass er in Wahrheit eine höchst lachhafte Mischung darstellt. Und wenn er sich dann mit dem Gedanken trösten möchte, dass doch immerhin ein verlässliches Drittel dieses Durcheinanders männlichen Geschlechts sei, wird der demütigende zweite Gedanke ihn sofort daran erinnern, dass er sich da um nichts besser steht als irgendeine Frau oder Kuh im Lande. Eine Frau ist zwar im Deutschen infolge eines Versehens des Erfinders der Sprache weiblich; ein Weib jedoch ist es zu seinem Pech nicht. Ein Weib hat hier kein Geschlecht, es ist ein Neutrum; laut Grammatik ist also ein Fisch „er“, seine Schuppen „sie“, ein Fischweib aber keins von beiden. Ein Weib geschlechtslos zu nennen darf wohl als eine hinter dem Sachverhalt zurückbleibende Beschreibung gelten. Schlimm genug – aber übergroße Genauigkeit ist sicherlich noch schlimmer. Ein Deutscher nennt einen Bewohner Englands einen „Engländer“. Zur Änderung des Geschlechts fügt er ein „-in“ an und bezeichnet die weibliche Einwohnerin desselben Landes als „Engländerin“. Damit scheint sie ausreichend beschrieben, aber für einen Deutschen ist das noch nicht exakt genug, also stellt er dem Wort den Artikel voran, der anzeigt, dass das nun folgende Geschöpf weiblich ist, und schreibt: „die Engländerin“ (was soviel heißt wie „the she-Englishwoman“). Meiner Ansicht nach ist diese Person überbezeichnet. Schön. Aber auch wenn der Lernbegierige das Geschlecht einer großen Anzahl von Substantiven auswendig gelernt hat, hören die Schwierigkeiten noch nicht auf. Er kann nämlich seine Zunge einfach nicht dazu bringen, die Dinge, die er gewohnheitsmäßig mit „it“ bezeichnet, nun auf einmal „he“ und „she“ bzw. „him“ und „her“ zu nennen. Mag er sich auch im Geiste den deutschen Satz mit allen „hims“ und „hers“ an der richtigen Stelle zurechtgelegt haben und sich unter Aufbietung all seines Mutes anschicken, ihn auszusprechen – in dem Augenblick, in dem er den Mund aufmacht, bricht seine Zunge aus der Bahn aus, und die sorgfältig erarbeiteten männlichen und weiblichen Formen kommen als lauter „its“ ans Licht. Und selbst wenn er für sich deutsch liest, nennt er diese Dinge immer „it“, obwohl er doch eigentlich folgendermaßen lesen müsste: [Es folgt der Text „Tale of the Fishwife and its sad Fate“; dafür in der deutschen Übersetzung eingefügt: Sehen Sie den Tisch, es ist grün.] Wohl in allen Sprachen sind Ähnlichkeiten in Aussehen und Klang zwischen Wörtern, bei denen keine Ähnlichkeit der Bedeutung besteht, eine ewige Quelle der Verwirrung für den Ausländer. Das ist in unserer eigenen Sprache so und ganz besonders auch im Deutschen. Da hätten wir zum Beispiel das lästige Wort „vermählt“. Für mich hat es eine so große – wirkliche oder nur eingebildete – Ähnlichkeit mit drei oder vier anderen Wörtern, dass ich nie weiß, ob es tatsächlich „verheiratet“ bedeutet (wie mir das Wörterbuch beim Nachschlagen immer wieder versichert) oder ob ich es nicht doch wieder einmal mit „verschmäht“, „gemalt“ oder „verdächtigt“ verwechselt habe. Solche Wörter gibt es haufenweise, und sie sind eine echte Plage. Damit die Schwierigkeiten noch größer werden, gibt es außerdem Wörter, die einander zu ähneln scheinen, sich jedoch in Wirklichkeit ganz und gar nicht ähneln; aber sie machen nicht weniger Ärger, als wenn sie es wirklich täten. Da haben wir zum Beispiel das Wort „vermieten“ und das Wort „verheiraten“. Ich habe von einem Engländer gehört, der in Heidelberg bei einem Mann anklopfte und in dem besten Deutsch, das ihm zur Verfügung stand, fragte, ob er ihm sein Haus verheiraten könne. Dann gibt es da gewisse Wörter, die eins bedeuten, wenn man sie auf der ersten Silbe betont, aber etwas ganz anderes, wenn man den Ton auf die zweite oder letzte Silbe verschiebt. So kann man zum Beispiel mit einem Menschen umgehen oder aber ihn umgehen – je nachdem, wie man das Wort betont; und man darf sich darauf verlassen, dass man die Betonung in der Regel auf die falsche Silbe legt und Ärger bekommt. Das Deutsche besitzt einige überaus nützliche Wörter. „Schlag“, zum Beispiel, und „Zug“. Im Wörterbuch ist eine Dreiviertelspalte mit „Schlag“ gefüllt und eineinhalb Spalten mit „Zug“. Das Wort „Schlag“ kann Hieb, Stoß, Streich, Rasse, Haus (z. B. für Tauben), Lichtung, Feld, Enttäuschung, Portion, rasche Folge (wenn es zu „Schlag auf Schlag“ gedoppelt wird), sodann einen Anfall, eine unangenehme Wirkung des Schicksals, eine ebensolche des elektrischen Stroms und wahrscheinlich noch einiges mehr bedeuten. Alles das ist seine einfache und genaue, das heißt also: seine beschränkte, seine gefesselte Bedeutung; aber es gibt außerdem noch Möglichkeiten, es freizulassen, so dass es davonschweben kann wie auf den Schwingen des Morgens und nie wieder zur Ruhe kommt. Man kann ihm jedes beliebige Wort hinten anhängen und ihm so jede nur gewünschte Bedeutung geben. Man kann bei der „Schlagader“ anfangen und dann Wort um Wort das ganze Wörterbuch anhängen, bis hin zu „Schlagwasser“, einem anderen Wort für Bilgewasser, und „Schlagmutter“, womit die Schwiegermutter gemeint ist. Nicht anders steht es mit „Zug“. Genau genommen bedeutet „Zug“ eine Fortbewegungsform, Kennzeichen, Merkmal, Charaktereigenschaft, Teil des Gesichtsausdrucks, Neigung, Hang, Marsch, Prozession, Wagenreihe, Schublade, Luftströmung, Gespann, Richtung, Schwarm, Register (an der Orgel), Schluck, einen Vorgang beim Schachspiel und beim Atmen – aber was es nicht bedeutet, nachdem all seine rechtmäßigen Anhänglinge angehängt worden sind, hat man bisher noch nicht herausgefunden. Der Nutzen von „Schlag“ und „Zug“ ist einfach nicht zu überschätzen. Mit weiter nichts als diesen beiden Wörtern und dem Wort „also“ bewaffnet, bringt der Ausländer auf deutschem Boden fast alles zuwege. Das deutsche Wort „also“ entspricht der englischen Wendung „you know“ und bedeutet überhaupt nichts – jedenfalls nicht beim Reden, wenn auch manchmal in einem gedruckten Zusammenhang. Sooft ein Deutscher den Mund aufmacht, fällt ein „also“ heraus, und sooft er ihn zuklappt, zerbeißt er eins, das gerade entwischen wollte. Mit diesen drei edlen Wörtern ausgerüstet, ist der Ausländer jederzeit Herr der Lage. Er kann furchtlos drauflosreden; er kann sein leidliches Deutsch unbekümmert hervorsprudeln: Wenn ihm einmal ein Wort fehlt, braucht er nur ein „Schlag“ in die leere Stelle zu stopfen, und er hat beste Aussichten, dass es wie ein Stöpsel passt. Passt es jedoch nicht, stoße er sofort mit einem „Zug“ nach – den beiden zusammen kann es kaum misslingen, das Loch zu verspunden. Sollte es ihnen irgendeinem Wunder zufolge aber einmal nicht gelingen, möge er schlicht „Also!“ sagen; damit schafft er sich den Augenblick Aufschub, den er braucht, um nach dem benötigten Wort zu suchen. In Deutschland sollte man beim Laden der Redeflinte stets ein paar „Schlag“ und „Zug“ mit hineinschieben, denn wie sehr die übrige Ladung auch streuen mag, mit diesen beiden muss man einfach treffen. Dann sagt man freundlich „also“ und lädt von neuem. Nichts verleiht einer deutschen oder englischen Unterhaltung soviel Anmut und ungezwungene Eleganz wie der ausgiebige Gebrauch von „also“ bzw. „you know“. In meinem Notizbuch finde ich folgende Eintragung: 1. Juli. Im Krankenhaus wurde gestern einem Patienten – einem Norddeutschen aus der Nähe von Hamburg – ein dreizehnsilbiges Wort herausgenommen; aber da die Chirurgen ihn höchst unglücklicherweise an der falschen Stelle geöffnet hatten (nämlich in der Annahme, er habe ein Panorama verschluckt), starb er. Das traurige Ereignis hat einen düsteren Schatten über die ganze Stadt geworfen. Diese Eintragung liefert mir den Text zu ein paar Bemerkungen über einen der eigentümlichsten und bemerkenswertesten Züge des von mir behandelten Gegenstandes – die Länge deutscher Wörter. Manche deutschen Wörter sind so lang, dass man sie nur aus der Ferne ganz sehen kann. Man betrachte die folgenden Beispiele:  „Freundschaftsbezeigungen“  „Dilettantenaufdringlichkeiten“  „Stadtverordnetenversammlungen“ Dies sind keine Wörter, es sind Umzüge sämtlicher Buchstaben des Alphabets. Und sie kommen nicht etwa selten vor. Wo man auch immer eine deutsche Zeitung aufschlägt, kann man sie majestätisch über die Seite marschieren sehen – und wer die nötige Phantasie besitzt, sieht auch die Fahnen und hört die Musik. Sie geben selbst dem sanftesten Thema etwas schauererregend Martialisches. Ich interessiere mich sehr für diese Kuriositäten. Sooft mir ein gutes Exemplar begegnet, stopfe ich es aus für mein Museum. Auf diese Weise habe ich eine recht wertvolle Sammlung zusammengebracht. Wenn ich auf Duplikate stoße, tausche ich mit anderen Sammlern und erhöhe so die Mannigfaltigkeit meines Bestandes. Hier sind einige Exemplare, die ich kürzlich auf der Versteigerung des persönlichen Besitzes eines bankrotten Raritätenjägers erstand:  „Generalstaatsverordnetenversammlungen“  „Altertumswissenschaften“  „Kinderbewahrungsanstalten“  „Unabhängigkeitserklärungen“  „Wiederherstellungsbestrebungen“  „Waffenstillstandsunterhandlungen“ Natürlich schmückt und adelt solch ein großartiger Gebirgszug die literarische Landschaft, wenn er sich quer über die Druckseite erstreckt; gleichzeitig jedoch bereitet er dem Anfänger großen Verdruss, denn er versperrt ihm den Weg. Er kann nicht darunter durchkriechen oder darüber hinwegklettern oder einen Tunnel hindurchbohren. Er wendet sich also hilfesuchend ans Wörterbuch, aber dort findet er keine Hilfe. Das Wörterbuch muss irgendwo eine Grenze ziehen, daher lässt es diese Sorte von Wörtern aus, und zwar mit Recht, denn diese langen Dinger sind wohl kaum rechtmäßige Wörter, sondern vielmehr Wortkombinationen, deren Erfinder man hätte umbringen sollen. Es sind zusammengesetzte Wörter ohne Bindestrich. Die einzelnen Wörter, die zu ihrem Aufbau benutzt wurden, stehen im Wörterbuch, allerdings sehr verstreut. Man kann sich also das Material Stück um Stück zusammensuchen und auf diese Weise schließlich auf die Bedeutung stoßen, aber es ist eine mühselige Plackerei. [...] „Also!“ Falls es mir nicht gelungen ist zu beweisen, dass das Deutsche eine schwierige Sprache ist – versucht habe ich es jedenfalls. Ich hörte von einem amerikanischen Studenten, den jemand fragte, wie er mit seinem Deutsch vorankomme, und der ohne Zögern antwortete: „Überhaupt nicht. Drei volle Monate habe ich jetzt hart daran gearbeitet, und dabei ist nichts weiter herausgekommen als eine einzige deutsche Wendung: ‚Zwei Glas!‘“ Er hielt einen Augenblick lang inne und fügte dann mit Nachdruck hinzu: „Aber das sitzt!“ Und falls ich nicht ebenfalls bewiesen habe, dass das Studium des Deutschen ein aufreibendes und erbitterndes Unternehmen ist, dann liegt das an unzureichender Beweisführung und ganz gewiss nicht an mangelnder Absicht. Ich hörte neulich von einem bis zur Erschöpfung geplagten amerikanischen Studenten, der sich zu seiner Erleichterung in ein gewisses deutsches Wort flüchtete, wenn Ärger und Verdruss ihn zu überwältigen drohten – in das einzige Wort der ganzen Sprache, das lieblich und kostbar in seinen Ohren klang und seinem zerrissenen Gemüt Heilung gewährte. Dies war das Wort „damit“. Aber es war nur der Klang, der ihm half, nicht die Bedeutung4, und als er schließlich erfuhr, dass der Ton nicht auf der ersten Silbe lag, war sein einziger Halt dahin, und er verfiel immer mehr und starb. Meiner Ansicht nach muss die Beschreibung eines lauten, aufrührenden, ungestümen Vorgangs im Deutschen unvermeidlich zahmer ausfallen als im Englischen. Unsere beschreibenden Wörter haben hier einen tiefen, starken, volltönenden Klang, während ihre deutschen Entsprechungen mir dünn und sanft und kraftlos vorkommen. „Boom, burst, crash, roar, storm, bellow, blow, thunder, explosion; howl, cry, shout, yell, groan; battle, hell“ – das sind großartige Wörter, deren Kraft und Klanggewalt den Dingen, für die sie stehen, vollkommen angemessen ist. Ihre deutschen Entsprechungen dagegen wären wunderhübsch geeignet, Kinder damit in den Schlaf zu singen, oder aber meine ehrfurchtgebietenden Ohren sind mir zur Zierde gewachsen und nicht zu höchster Nützlichkeit beim Analysieren von Klängen. Würde irgendjemand bei einer Angelegenheit ums Leben zu kommen wünschen, die mit einem so zahmen Ausdruck wie „Schlacht“ belegt wird? Und würde sich nicht ein Schwindsüchtiger allzu sehr eingemummt vorkommen, wenn er sich anschickte, in Kragen und Siegelring in einen atmosphärischen Zustand hinauszutreten, zu dessen Bezeichnung das an Vogelgezwitscher erinnernde Wort „Gewitter“ benutzt wird? Oder man nehme das stärkste Wort, das die deutsche Sprache als Ersatz für das Fremdwort „Explosion“ kennt – „Ausbruch“. Da ist unser Wort „toothbrush“ [= Zahnbürste] noch kraftvoller. Mir scheint, es wäre nicht das Schlechteste, wenn die Deutschen es zur Beschreibung besonders gewaltiger Explosionen importierten. Das Wort „Hölle“ hat gleichfalls einen geradezu munteren, leichtherzigen und ganz und gar nicht eindrucksvollen Klang. Man kann sich kaum vorstellen, dass jemand, dem man auf Deutsch rät, dorthin zu fahren, es nicht für unter seiner Würde hält, beleidigt zu sein. Nachdem ich nun ausführlich auf die verschiedenen Untugenden dieser Sprache hingewiesen habe, komme ich zu der kurzen und angenehmen Aufgabe, ihre Tugenden hervorzuheben. Die Großschreibung der Substantive habe ich bereits erwähnt. Aber weit größer noch als dieser Vorzug ist ein anderer: dass die Wörter so geschrieben werden, wie sie klingen. Nach einer kurzen Unterweisung im Alphabet weiß der Lernende, wie jedes deutsche Wort ausgesprochen wird, ohne nachfragen zu müssen. Ganz anders in unserer Sprache: Wenn ein Lernender sich bei uns erkundigt, wie man das Wort „bow“ ausspricht, müssen wir ihm antworten: „Das kann man so, wenn es für sich allein steht, nicht sagen; dazu muss man den Zusammenhang berücksichtigen und die Bedeutung ermitteln – handelt es sich um ein Ding zum Abschießen von Pfeilen oder um ein Neigen des Kopfes oder um das vordere Ende eines Bootes?“ Einige deutsche Wörter sind von einzigartiger Ausdruckskraft. Zum Beispiel jene, die das einfache, stille und zärtliche häusliche Leben beschreiben; sodann die, die mit der Liebe in all ihren Arten und Formen zu tun haben, von bloßer Güte und Wohlwollen gegenüber dem durchreisenden Fremden bis hin zum Liebeswerben; aber auch die Wörter, die von den zartesten und liebreizendsten Dingen draußen in der Natur künden – von Wiesen und Wäldern und Vögeln und Blumen, vom Duft und Sonnenschein des Sommers und vom Mondschein in stillen Winternächten; mit einem Wort: alle jene, die von Ruhe, Rast und Frieden handeln; auch jene, die sich auf die Wesen und Wunder des Märchenlandes beziehen. Letztlich und hauptsächlich ist die Sprache unübertrefflich reich und ausdrucksvoll bei allen Wörtern, die Gefühl ausdrücken. Es gibt deutsche Lieder, die selbst den, dem die Sprache fremd ist, zum Weinen bringen können. Darin zeigt sich, dass der Klang der Wörter richtig ist – er gibt die Bedeutung mit Wahrhaftigkeit und Genauigkeit wieder; und so wird das Ohr angesprochen und durch das Ohr das Herz. Die Deutschen scheinen nicht davor zurückzuschrecken, ein Wort zu wiederholen, wenn es das richtige ist. Sie wiederholen es sogar mehrmals, wenn es sein muss. Das ist vernünftig. Im Englischen dagegen bilden wir uns ein, wir gerieten ins Tautologische, wenn wir ein Wort zweimal im selben Absatz verwendet haben, und wir sind daher schwach genug, es gegen ein anderes Wort auszutauschen, das sich seiner Genauigkeit nur annähert, um so dem auszuweichen, was wir fälschlicherweise für den größeren Makel halten. Wiederholung mag von Übel sein, aber Ungenauigkeit ist gewiss schlimmer. Es gibt Leute auf der Welt, die sich der allergrößten Mühe unterziehen, um auf die Schwächen einer Religion oder einer Sprache hinzuweisen, und dann freundlich ihrer Wege gehen, ohne irgendwelche Verbesserungsvorschläge zu machen. Ich gehöre nicht zu dieser Sorte. Ich habe dargelegt, dass die deutsche Sprache reformbedürftig ist. Nun denn, ich bin bereit, sie zu reformieren. Zumindest bin ich bereit, die richtigen Vorschläge zu machen. Solch ein Unterfangen mag bei einem anderen unbescheiden erscheinen; ich jedoch habe fürs Erste und Letzte neun volle Wochen dem sorgfältigen und kritischen Studium dieser Sprache gewidmet und dadurch ein Vertrauen in meine Fähigkeiten, sie zu reformieren, gewonnen, das mir eine nur oberflächliche Bekanntschaft nicht hätte verschaffen können. Zunächst einmal würde ich den Dativ weglassen. Er bringt die Plurale durcheinander, und außerdem weiß man nie, wann man sich im Dativ befindet, es sei denn, man bemerkt es zufällig – und dann weiß man nicht, wann und wo man hineingeraten ist oder wie lange man schon darin ist oder wie man jemals wieder herauskommen soll. Der Dativ ist nichts weiter als schmückender Unsinn – es ist besser, ihn abzuschaffen. Sodann würde ich das Verb weiter nach vorne holen. Man mag ein noch so gutes Verb laden, bei der gegenwärtigen deutschen Entfernung bringt man nach meiner Beobachtung das Subjekt nie wirklich zur Strecke – man schießt es nur an. Ich empfehle daher mit Nachdruck, diese wichtige Wortart an eine Stelle vorzuziehen, wo man sie leicht mit bloßem Auge sehen kann. Drittens würde ich ein paar starke Ausdrücke aus dem Englischen importieren – zum Fluchen und auch zur kraftvollen Beschreibung aller möglichen kraftvollen Vorgänge.5 Viertens würde ich die Geschlechtszugehörigkeit neu regeln und die Verteilung gemäß dem Willen des Schöpfers vornehmen. Dies schon aus Respekt. Fünftens würde ich diese großen, langen, zusammengesetzten Wörter abschaffen oder zumindest von dem Sprecher verlangen, sie abschnittweise vorzutragen mit Erfrischungspausen dazwischen. Sie gänzlich abzuschaffen wäre das Beste, denn Gedanken werden leichter aufgenommen und verdaut, wenn sie einer nach dem anderen und nicht zu großen Haufen geballt daherkommen. Mit der geistigen Nahrung verhält es sich genauso wie mit jeder anderen: Es ist angenehmer und bekömmlicher, sie mit dem Löffel anstatt mit der Schaufel zu sich zu nehmen. Sechstens würde ich von dem Sprecher verlangen, dass er aufhört, wenn er fertig ist, und nicht noch eine Kette dieser nutzlosen „haben sind gewesen gehabt haben geworden sein“ hinten an den Satz anhängt. Solcher Tand schmückt das Gesagte nicht, sondern raubt ihm seine Würde. Er ist daher ein Ärgernis und sollte abgeschafft werden. Siebtens würde ich die Parenthese abschaffen. Desgleichen die Überparenthese, die Oberüberparenthese, die Außenumoberüberparenthese und schließlich auch die letzte, weitreichende, alles umfassende Hauptparenthese. Ich würde von jedermann, ob hoch oder niedrig, verlangen, dass er mir einfach und geradezu mit dem kommt, was er mir erzählen will, oder aber seine Geschichte zusammenrollt und sich daraufsetzt und Ruhe gibt. Übertretungen dieses Gesetzes müssten mit dem Tode bestraft werden. Und achtens und letztens würde ich „Zug“ und „Schlag“ mit allen ihren Anhängseln behalten und das übrige Vokabular abschaffen. Dies würde die Sprache sehr vereinfachen. Ich habe nun die Änderungen genannt, die ich für die nötigsten und wichtigsten halte. Dies sind wohl alle, die man von mir gratis erwarten kann; aber ich habe noch weitere Vorschläge, die ich machen kann und auch machen werde, falls meine geplante Bewerbung dazu führt, dass ich von der Regierung offiziell angestellt werde, an der Reform der Sprache zu arbeiten. Aufgrund meiner philologischen Studien bin ich überzeugt, dass ein begabter Mensch Englisch (außer Schreibung und Aussprache) in dreißig Stunden, Französisch in dreißig Tagen und Deutsch in dreißig Jahren lernen kann. Es liegt daher auf der Hand, dass die letztgenannte Sprache zurechtgestutzt und repariert werden sollte. Falls sie so bleibt, wie sie ist, sollte sie sanft und ehrerbietig zu den toten Sprachen gestellt werden, denn nur die Toten haben genügend Zeit, sie zu lernen. Mark Twain  Das Katholische Glaubensbekenntnis Stand 2010 Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tag auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzet zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige [katholische] / [christliche*] Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen. Das Katholische Glaubensbekenntnis Erstes Buch Mose Genesis 1.1 Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde. 1.2 Und die Erde war wuest und leer, und Finsternis war ueber der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte ueber den Wassern. 1.3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. 1.4 Und Gott sah das Licht, dass es gut war; und Gott schied das Licht von der Finsternis. 1.5 Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag. 1.6 Und Gott sprach: Es werde eine Woelbung mitten in den Wassern, und es sei eine Scheidung zwischen den Wassern und den Wassern! 1.7 Und Gott machte die Woelbung und schied die Wasser, die unterhalb der Woelbung von den Wassern, die oberhalb der Woelbung waren. Und es geschah so. 1.8 Und Gott nannte die Woelbung Himmel. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein zweiter Tag. 1.9 Und Gott sprach: Es sollen sich die Wasser unterhalb des Himmels an einen Ort sammeln, und es werde das Trockene sichtbar! Und es geschah so. 1.10 Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Ansammlung der Wasser nannte er Meere. Und Gott sah, dass es gut war. 1.11 Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras hervorsprossen, Kraut, das Samen hervorbringt, Fruchtbaeume, die auf der Erde Fruechte tragen nach ihrer Art, in denen ihr Same ist! Und es geschah so. 1.12 Und die Erde brachte Gras hervor, Kraut, das Samen hervorbringt nach seiner Art, und Baeume, die Fruechte tragen, in denen ihr Same ist nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war. 1.13 Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein dritter Tag. 1.14 Und Gott sprach: Es sollen Lichter an der Woelbung des Himmels werden, um zu scheiden zwischen Tag und Nacht, und sie sollen dienen als Zeichen und [zur Bestimmung von] Zeiten und Tagen und Jahren; 1.15 und sie sollen als Lichter an der Woelbung des Himmels dienen, um auf die Erde zu leuchten! Und es geschah so. 1.16 Und Gott machte die beiden grossen Lichter: das groessere Licht zur Beherrschung des Tages und das kleinere Licht zur Beherrschung der Nacht und die Sterne. 1.17 Und Gott setzte sie an die Woelbung des Himmels, ueber die Erde zu leuchten 1.18 und zu herrschen ueber den Tag und ueber die Nacht und zwischen dem Licht und der Finsternis zu scheiden. Und Gott sah, dass es gut war. 19 Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein vierter Tag. 1.20 Und Gott sprach: Es sollen die Wasser vom Gewimmel lebender Wesen wimmeln, und Voegel sollen ueber der Erde fliegen unter der Woelbung des Himmels! 1.21 Und Gott schuf die grossen Seeungeheuer und alle sich regenden lebenden Wesen, von denen die Wasser wimmeln, nach ihrer Art, und alle gefluegelten Voegel nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war. 1.22 Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und vermehrt euch, und fuellt das Wasser in den Meeren, und die Voegel sollen sich vermehren auf der Erde! 1.23 Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein fuenfter Tag. 1.24 Und Gott sprach: Die Erde bringe lebende Wesen hervor nach ihrer Art: Vieh und kriechende Tiere und [wilde] Tiere der Erde nach ihrer Art! Und es geschah so. 1.25 Und Gott machte die [wilden] Tiere der Erde nach ihrer Art und das Vieh nach seiner Art und alle kriechenden Tiere auf dem Erdboden nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war. 1.26 Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns aehnlich! Sie sollen herrschen ueber die Fische des Meeres und ueber die Voegel des Himmels und ueber das Vieh und ueber die ganze Erde und ueber alle kriechenden Tiere, die auf der Erde kriechen! 1.27 Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. 1.28 Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, und fuellt die Erde, und macht sie [euch] untertan; und herrscht ueber die Fische des Meeres und ueber die Voegel des Himmels und ueber alle Tiere, die sich auf der Erde regen! 1.29 Und Gott sprach: Siehe, ich habe euch alles samentragende Kraut gegeben, das auf der Flaeche der ganzen Erde ist, und jeden Baum, an dem samentragende Baumfrucht ist: es soll euch zur Nahrung dienen; 1.30 aber allen Tieren der Erde und allen Voegeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, in dem eine lebende Seele ist, [habe ich] alles gruene Kraut zur Speise [gegeben]. 1.31 Und es geschah so. Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: der sechste Tag. Erstes Buch Mose Genesis Das Lächeln der Sphinx Das Lächeln der Sphinx In einer Zeil, in der alle Regierenden gefährdet waren - zu erklären, worin diese Gefährdung bestand, ist müßig, denn Gefährdungen haben zu viele Ursachen und doch keine zugleich -, befiel den Herrscher des Landes, von dem die Rede sein soll, Unruhe und Schlaflosigkeit. Nicht daß er sich >von unten<<, von seinem Volk her, bedroht fühlte; die Bedrohung kam von oben, von unausgesprochenen Forderungen und Weisungen, denen er folgen zu müssen glaubte und die er nicht kannte. Als der Herrscher überdies vom Auftreten eines Schattens an den Zufahrtstraßen seines Schlosses in Kenntnis gesetzt wurde, drängte sich ihm die Überzeugung auf, daß er den Schatten, der vielleicht die Bedrohung barg, anrufen und ins Leben zwingen mußte, um ihn bekämpfen zu können. Und er stieß alsbald auf den Schatten, den man ihm gemeldet hatte; es war schwer, von ihm auf die Gestalt zu schließen, die ihn vorausschickte, weil er zu groß war) um mit einem Mal ins Auge treten zu können. Am Anfang sah der Regent nichts als ein ungeheures Tier, das sich langsam durch die Gegend schleppte; später erst gelang es ihm, an der. Stelle, an der er den Schädel vermutete, ein plattes, breites Gesicht zu entdecken, das jenem Wesen gehörte, das jeden Augenblick den Mund öffnen und derart fragen konnte, daß man vor ihm seit Jahrhunderten versagte, ihm die Antwort schuldig blieb und verloren war: Der Köhnig hatte die furchteinflößende, seltsame Sphinx erkannt, mit der er um das Fortbestehen des Landes und seiner Menschen zu ringen hatte. Er öffnete also zuerst den Mund und forderte sie heraus, ihn herauszufordern. Das Innere der Erde ist unserem Blick verschlossen.., begann sie,  >>aber ihr sollt einmal hineinsehen, die Dinge vor mir ausbreiten, die sie birgt, und mir über ihr Feuer und ihre Festigkeit Bescheid sagen.<< Der Herrscher lächelte und wies seine Gelehrten und Arbeiter an, sich über den Leib der Erde zu machen, ihn zu durchbohren, seine Geheimnisse freizulegen, alles zu messen und das Gefundene in die feinnervigsten Formeln zu übertragen, deren Präzision uvorstellbar war. Er verfolgte selbst den Gang der Arbeit, der sich in prächtigen Tabellen und dicken Büchern spiegelte. Eines Tages war es denn so weit, daß der Herrscher sein Gefolge anweisen konnte, die geleistete Arbeit vorzulegen. Die Sphinx konnte nicht umhin zuzugeben, daß die Arbeit vollkommen und unangreifbar ausgefallen war; nur schien es vielen, sie drücke zu wenig Achtung vor den Resultaten aus. Aber keiner konnte ihr nachsagen, daß sie sich nicht korrekt verhalten habe. Wenn einige noch gefürchtet hatten, es würde nun offenbar werden, daß die Sphinx den König nur in Sicherheit hatte wiegen wollen, um dann doch noch eine Falle in der Formulierung des Rätsels zutage treten zu lassen, wurden ihre Bedenken jetzt zerstreut. Die zweite Frage war wieder unmißverständlich und einfach im Wortlaut. Gelassen forderte das beinahe entzauberte Ungeheuer, daß sich nun alle an die Feststellung der Dinge machen sollten, die die Erde bedeckten, einschließlich der Sphären, die sich um sie schlossen. Diesmal taten die Wissenschafter mit ihren Stäben noch ein übriges. Sie fügten den Aufzeichnungen eine unerhört feingliedrige Untersuchung des Weltraums an) die alle Planetenbahnen, alle Himmelskörper, Vergangenheiten und Zukünfte der Materie enthielt, mit der heimlichen Schadenfreude, der Sphinx damit eine dritte Frage vorwegzunehmen. Auch dem König schien es ausgeschlossen, daß noch etwas zu fragen blieb, und er übergab die Lösung mit aufkeimendem Triumph. Schloß die Sphinx die Lider oder war sie überhaupt blicklos? Vorsichtig suchte der Herrscher in ihren Mienen zu lesen. Die Sphinx iieß sich so Iange Zeit, die dritte Frage zu stellen, daß alle zu glauben begannen, sie hätten mit ihrem Übereifer in der Beantwortung der zweiten Frage tatsächlich das tödiiche Spiel gewonnen. Als sie aber an ihrem Mund ein leises Zucken wahrnahmen, erstarrten sie, ohne daß sie zu sagen gewußt hätten. warum. >Was mag wohl in den Menschen sein, die du be herrschst<<, fragte sie in des Königs große Nachdenklichkeit. Der König hatte Lust, mit einem raschen Scherz zu antworten, um sich zu retten, nahm aber noch rechtzeitig Abstand davon und begab sich zu einer Beratung. Er stieß seine Leute an die Arbeit-und zürnte ihnen, weil sie sich stoßen ließen. In Versuchsserien begannen sie, die Menschen zu entkleiden; sie zwangen ihnen die Scham ab, hielten sie zu Geständnissen an, die die Schlacken ihres Lebens zutage fördern sollten, rissen ihre Gedanken auseinander und ordneten sie in hunderterlei Zahlen- und Zeichenreihen. Es war kein Ende abzusehen, aber das verschwiegen sie sich, denn der König ging ohnedies durch die Laboratorien, als gewänne er ihnen nicht das geringste Vertrauen ab und sinne einem schnelleren und treffenderen Verfahren nach. Diese Vermutung bestätigte sich eines Tages, als er die bedeutendsten Gelehrten und die fähigsten Staatsbeamten kommnen ließ, den sofortigen Abbruch der .Arbeit befahl und ihnen in geheimen Sitzungen Gedanken unterbreitete, deren Inhalt niemand weiter mitgeteilt wurde, wenngleich alle alsbald von den Auswirkungen betroffen wurden. Kurze Zeit später lenkte ein Befehl die Menschen gruppenweise nach Orten, an denen hochspezialisierte Guiliotinen errichtet waren, zu denen mit peinlicher Genauigkeit jeder einzeln aufgerufen wurde und die ihn dann vom Leben zum Tode brachten. Die Offenbarung, die dieses Verfahren ergab, war so über- wältigend, daß sie die Erwartung des Königs übertraf ; er zögerte dennoch nicht, um der Vollständigkeit und Vollkommenheit willen auch die restlichen Männer, die ihm bei der Organisation und der Aufstellung der Guillotinen nützlich waren. zu veranlassen, sich den Maschinen zu übergeben, um die Lösung des Rätsels nicht zu gefährden. Gebeugt und stumm vor Erwartung trat der König vor die Sphinx. Er sah ihren Schatten sich wie einen Mantel über die Toten breiten, die nun nicht aussagten, was zu sagen war, weil sich der Schatten über sie gelegt hatte, um sie zu bewahren. Atemlos forderte der König die Sphinx auf, sich wegzuheben, um seine Antwort entgegenzunehmen, aber sie bedeutete ihm durch eine Gebärde, daß sie danach nicht verlange Er habe auch die dritte Antwort gefunden, er sei frei, sein Leben und das seines Landes stünden ihm zur Verfügung. Über ihr Gesicht trat eine Welle, aus einem Meer von Geheimnissen geworfen. Sodann lächelte sie und entfernte sich, und als der König sich aller Ereignisse besann, hatte sie die Grenzen überschritten und sein Reich verlassen. Ingeborg Bachmann WAS ES IST Der Tod und das Mädchen Das Mädchen: Vorüber! Ach vorüber! Geh, wilder Knochenmann! Ich bin noch jung, geh Lieber! Und rühre mich nicht an. Der Tod: Gib deine Hand, du schön und zart Gebild! Bin Freund und komme nicht zu strafen. Sei gutes Muts! ich bin nicht wild, Sollst sanft in meinen Armen schlafen! Matthias Claudius Der Tod und das Mädchen Kurt Tucholsky 1930 Kurt Tucholsky veröffentlicht in „Die Weltbühne“ 1930 Wenn die Börsenkurse fallen, regt sich Kummer fast bei allen, aber manche blühen auf: Ihr Rezept heißt Leerverkauf. Keck verhökern diese Knaben Dinge, die sie gar nicht haben, treten selbst den Absturz los, den sie brauchen – echt famos! Leichter noch bei solchen Taten tun sie sich bei Derivaten: Wenn Papier den Wert frisiert, wird die Wirkung potenziert. Wenn in Folge Banken krachen, haben Sparer nichts zu lachen, und die Hypothek aufs haus heißt, Bewohner müssen raus. Trifft`s hingegen große Banken, kommt die ganze Welt ins Wanken – auch die Spekulantenbrut zittert jetzt um Hab und Gut! Soll man das System gefährden? Da muss eingeschritten werden: Der Gewinn, der bleibt privat, die Verluste kauft der Staat. Dazu braucht der Staat Kredite, und das bringt erneut Profite, hat man doch in jenem Land die Regierung in der Hand Für die Zechen dieser Frechen hat der kleine Mann zu blechen und – das ist das feine ja – nicht nur in Amerika! Und wenn Kurse wieder steigen, fängt von vorne an der Reigen – ist halt Umverteilung pur, stets in eine Richtung nur. Aber sollen sich die Massen das mal nimmer bieten lassen, ist der Ausweg längst bedacht: Dann wird ein bisschen Krieg gemacht. Das letzte Blatt von O. Henry   In einem kleinen Stadtteil westlich des Washington Square sind die Straßen verrückt geworden und haben sich selbst in schmale Streifen aufgespalten, die man „Plätze" nennt. Diese „Plätze" bilden merkwürdige Winkel und Kurven. Eine Straße überkreuzt sich selber ein- bis zweimal. Ein Künstler entdeckte einmal eine wertvolle Möglichkeit in dieser Straße. Angenommen, ein Kassierer mit einer Rechnung für Farben, Papier und Leinwand würde, während er durch diese Straße geht, sich selbst auf dem Rückweg begegnen, ohne auch nur einen Cent für die Rechnung bekommen zu haben! Bald durchstreifte das Künstlervolk das seltsame Green-wichviertel und suchte nach Nordfenstern, nach Giebeln aus dem achtzehnten Jahrhundert, nach holländischen Mansardenzimmern und billiger Miete. Dann brachten sie noch einige Zinnkannen und ein bis zwei Kohlenbecken aus der Sixth Avenue an und wurden zur „Kolonie". Im obersten Stockwerk eines gedrungen wirkenden dreistöckigen Backsteinhauses hatten Sue und Johnsy ihr Atelier aufgeschlagen. „Johnsy" bedeutete eigentlich Johanna. Diese stammte aus Maine, die andere aus Kalifornien. Sie hatten sich an der Table d'hote bei „Delmonico" in der Eighth Street getroffen und soviel Übereinstimmung in ihrem Geschmack für Kunst, Chicoree-Salat und Puffärmel gefunden, daß daraus das gemeinsame Atelier entstand. Das war im Mai gewesen. Im November schlich ein kalter, unsichtbarer Fremder, den die Ärzte Pneumonia nannten, durch die Kolonie und berührte einmal dort und einmal da einen mit seinem eisigen Finger. Drüben im Osten schritt dieser unverschämte Verwüster mit Riesenschritten aus und holte sich seine Opfer zu Hunderten, aber hier, durch den Irrgarten der engen und moosüberwachsenen „Plätze" schritten seine Füße langsam. Mr. Pneumonia gehörte nicht zu denen, die den Titel eines ritterlichen alten Kavaliers verdienten. Jenes Bißchen von kleiner Frau, deren Blut durch die warmen kalifornischen Winde dünn geworden war, stellte kaum eine richtige Jagdbeute für den rotfäustigen, kurzatmigen alten Dummkopf dar. Aber Johnsy berührte er; und sie lag fast regungslos auf der lackierten Bettstelle und blickte durch die holländischen Fensterscheiben auf die glatte Mauer des anschließenden Backsteinhauses. Eines Tages bat der vielbeschäftigte Arzt Sue in die Diele und runzelte seine struppigen, grauen Augenbrauen. „Ihre Chancen stehen eins zu — na, sagen wir zehn", sagte er, während er das Thermometer herunterschüttelte. „Und diese Chance liegt in ihrem Willen, am Leben zu bleiben. Die Art, wie die Leute beim Totengräber Schlange stehen, macht die ganze Arzneikunst lächerlich. Ihre kleine Dame ist sich darüber im klaren, daß es nicht besonders mit ihr steht. Hat sie irgend etwas Besonderes, woran sie denkt?" „Sie — sie möchte einmal die Bucht von Neapel malen", sagte Sue. „Malen? — So'n Blödsinn. Hat sie nicht irgendwas, wobei es sich auch lohnt, öfters daran zu denken? Zum Beispiel einen Mann?" „Einen Mann?" fragte Sue, und ihre Stimme klang wie der scharfe Ton einer Maultrommel. „Ist ein Mann wert, daß — aber nein, Doktor; sie hat nichts dergleichen." „Das ist natürlich schlecht", sagte der Doktor. „Ich werde alles anwenden, was die Wissenschaft uns gibt, soweit es in meiner Macht steht. Aber sobald meine Patientin die Anzahl der Fahrzeuge bei ihrem Leichenzug zu zählen beginnt, muß ich fünfzig Prozent der Heilkraft aller Medizinen abziehen. Wenn Sie sie aber dazu bringen, daß sie nur eine Frage nach der neuen Wintermode der Mantelärmel stellt, dann verspreche ich Ihnen eine Fünfzig- zu-eins-Chance und nicht wie jetzt zehn zu eins." Nachdem der Doktor gegangen war, stürzte Sue in den Arbeitsraum und heulte eine ganze japanische Papierserviette zu einem feuchten Brei. Dann stolzierte sie mit ihrem Zeichenbrett in Johnsys Zimmer und pfiff einen Ragtime. Johnsy machte kaum die leiseste Bewegung unter der Bettdecke und hatte das Gesicht dem Fenster zugewandt. Sue hörte mit pfeifen auf, da sie meinte, ihre Freundin schliefe. Sie rückte das Zeichenbrett zurück und begann eine Federzeichnung, die als Illustration für eine Magazingeschichte gedacht war. Junge Künstler müssen sich zur Kunst über Magazingeschichten durchschlagen, die junge Schriftsteller schreiben, um sich so ihren Weg zur Literatur zu bahnen. Als Sue gerade für den Helden, einen Cowboy aus Idaho, elegante Reithosen und ein Monokel entwarf, hörte sie ein schwaches Geräusch, das mehrere Male wiederholt wurde. Schnell ging sie zum Bett. Johnsys Augen waren weit geöffnet. Sie blickte aus dem Fenster und zählte — zählte rückwärts. „Zwölf", sagte sie und etwas später „elf"; und dann „zehn" und „neun"; und dann „acht" und „sieben" fast gleichzeitig. Besorgt schaute Sue aus dem Fenster. Was gab es da zu zählen? Man sah nur einen nackten, langweiligen Hinterhof und in einer Entfernung von sechs Metern die kahle Ziegelmauer des Nachbarhauses. Eine uralte Weinranke mit knorrigen und verwelkten Wurzeln wuchs bis zur Hälfte der Wand empor. Der kalte Atem des Herbstes hatte die Blätter abgezaust, und die jetzt beinahe nackten Zweige klammerten sich an die verwitterten Ziegel. „Was hast du, Liebling?" fragte Sue. „Sechs", flüsterte Johnsy fast unhörbar. „Jetzt fallen sie rascher. Vor drei Tagen waren es fast noch hundert. Vor lauter Zählen habe ich Kopfschmerzen bekommen. Aber jetzt ist es einfach. Da, wieder ein Blatt. Jetzt bleiben nur noch fünf." „Fünf was, Liebling? Sag's deiner Sudie." „Blätter. An der Weinranke. Wenn das letzte abfällt, dann muß auch ich gehen. Das weiß ich seit drei Tagen. Hat dir der Arzt denn nichts erzählt?" „Oh, ich habe noch niemals so einen Blödsinn gehört", widersprach Sue mit großartig gespieltem Zorn. „Was haben alte Weinblätter mit deiner Genesung zu tun? Und du hast diesen Wein immer so gern gehabt, du schlechtes Mädchen. Sei keine dumme Gans. Wieso, der Doktor hat mir heute morgen gesagt, daß deine Chancen, bald wieder gesund zu werden — laß mich überlegen, was er genau gesagt hat — ja, er sagte, die Chancen wären eins zu zehn. Das ist dieselbe Chance, wie wir sie in New York haben, wenn wir mit der Straßenbahn fahren oder an einem Neubau vorübergehen. Versuch etwas von der Bouillon zu trinken und laß Sudie ihre Zeichnung fertigmachen, damit sie sie dem Redakteur verkaufen und dem kranken Kind Portwein und ihrem eigenen gefräßigen Magen Schweinefleisch mit bringen kann." „Du brauchst keinen Wein mehr zu besorgen", sagte Johnsy, und ihre Augen starrten aus dem Fenster. „Da fällt wieder eins. Nein, ich möchte keine Bouillon. Nur noch vier Blätter. Ich möchte noch sehen, wie das letzte Blatt wegweht, bevor es dunkel wird. Dann gehe ich." „Johnsy, mein Liebling", sagte Sue und beugte sich über sie, „versprichst du mir, deineAugen zu schließen und nicht mehr aus dem Fenster zu schauen, bis ich mit meiner Arbeit fertig bin? Ich muß diese Zeichnung morgen abliefern. Ich brauche Licht, sonst würde ich den Rolladen herunterlassen." „Könntest du nicht im anderen Zimmer zeichnen?" fragte Johnsy kühl. „Ich bleibe lieber bei dir", sagte Sue. „Außerdem will ich nicht, daß du weiter diese blöden Weinblätter anstarrst." „Sags mir, sobald du fertig bist", sagte Johnsy, schloß ihre Augen und lag weiß und still wie eine umgestürzte Statue, „weil ich das letzte Blatt fallen sehen will. Ich bin des Wartens müde. Ich will nicht mehr denken. Ich möchte jede Bindung lösen und wegflattern, einfach hinunter, wie eins dieser armen, müden Blätter." „Versuch doch zu schlafen", sagte Sue. „Ich muß noch zu dem alten Behrman gehen, um ihn zu bitten, mir für den alten, einsamen Bergarbeiter Modell zu sitzen. Ich bleib nur einen ganz kurzen Augenblick. Versuch dich nicht zu bewegen, bis ich wiederkomme." Der alte Behrman war ein Maler, der ein Stockwerk unter ihnen wohnte. Er war über sechzig, hatte einen Kopf wie ein Satyr und einen Bart wie der Moses von Michelango, der in Locken über einen knabenhaften Körper wuchs. Behrman war ein gescheiterter Künstler. Seit vierzig Jahren hatte er den Pinsel geführt, aber es war ihm nie gelungen, auch nur den Rocksaum seiner Herrin, der Kunst, zu berühren. Er war immer drauf und dran, ein Meisterwerk zu malen, aber bis jetzt hatte er noch nicht einmal damit angefangen. Viele Jahre hindurch hatte er nichts weiter gemalt als ab und zu ein Plakat für Anzeige- oder Reklamezwecke. Er verdiente sich etwas mit Modellstehen für die jungen Künstler in der Kolonie, die ein Berufsmodell nicht bezahlen konnten. Er trank unmäßige Mengen Gin und sprach noch immer von seinem Meisterwerk. Sonst war er ein bärbeißiger alter Mann, der jedes Zartgefühl im Menschen schrecklich verspottete und sich für einen besonderen Kettenhund hielt, der die beiden Künstlerinnen im Atelier über ihm bewachte. Sue fand den stark nach Wacholderbeeren duftenden Behrman in seiner schwach beleuchteten Bude. In einer Ecke stand eine leere Leinwand auf einer Staffelei und wartete seit fünfundzwanzig Jahren darauf, den ersten Strich für das Meisterwerk zu empfangen. Sue erzählte ihm von John-sys merkwürdiger Idee, und daß sie fürchtete, Johnsy würde, allerdings ebenso zerbrechlich und leicht wie ein Blatt, wegwehen, wenn ihr Wille, auf dieser Welt zu leben, noch schwächer werden sollte. Behrman, dessen rote Augen offen tränten, gab schreiend seiner Verachtung und seinem Hohn über solche idiotische Einbildung Ausdruck. „Was!" schrie er. „Gibt es denn noch Leute auf dieser Welt, die so dumm sind zu sterben, bloß weil Blätter von einem verfluchten Wein abfallen? So etwas habe ich doch noch nicht gehört. Nein, ich werde nicht für Ihren blödsinnigen einsamen Dummkopf Modell sitzen. Wie können Sie nur zulassen, daß sich so eine hirnverbrannte Albernheit bei ihr festsetzt? Ach, diese arme kleine Miß Johnsy/' „Sie ist sehr krank und schwach", sagte Sue, „und das Fieber hat ihren Verstand geschwächt und lauter merkwürdige Vorstellungen hervorgerufen. Nun gut, Mr. Behrman, wenn Sie kein Interesse haben, mir zu sitzen, dann lassen Sie es bleiben. Aber ich glaube, Sie sind ein schrecklicher alter Schwätzer." „Und Sie sind eben wie alle Frauen", schrie Behrman. „Wer hat gesagt, daß ich nicht Modell sitzen will? Los! Ich komme mit. Seit einer Stunde versuche ich Ihnen zu erklären, daß ich bereit bin, Modell zu sitzen. Gott! Miß Johnsy ist viel zu schade, um an so einem Ort krank zu liegen. Eines Tages werde ich ein Meisterwerk malen, und dann werden wir hier alle wegziehen. Ach Gott, ja." Johnsy schlief, als sie heraufkamen. Sue zog den Fensterladen ganz zu und winkte Behrman, ihr in das andere Zimmer zu folgen. Von hier aus blickten sie ängstlich auf die Weinranke. Dann sahen sie sich einen Augenblick schweigend an. Draußen fiel ein kalter Dauerregen, mit Schnee vermischt. Behrman in seinem alten, blauen Hemd setzte sich als einsamer Bergarbeiter auf einen umgestülpten Kessel, der einen Felsen darstellen sollte. Als Sue am nächsten Morgen nach einer Stunde Schlaf aufwachte, sah sie, wie Johnsy mit trüben, weitaufgerissenen Augen auf den zugezogenen grünen Rolladen starrte. „Zieh auf; ich will sehen", befahl sie flüsternd. Angstvoll gehorchte Sue . . . Aber da! Trotz des peitschenden Regens und der heftigen Windstöße während einer endlos scheinenden Nacht hob sich gegen die Ziegelmauer ein einzelnes Weinblatt ab. Es war das letzte an der Weinranke. Am Stengel war es noch immer grün, aber an den gezackten Rändern sah man schon das Gelb der Auflösung und Zerstörung, und es hing tapfer weiter sechs Meter über dem Boden an einem Zweig. „Es ist das letzte", sagte Johnsy. „Ich glaubte bestimmt, daß es während der Nacht herunterfallen würde. Ich habe den Wind gehört. Heute wird es abfallen, und in demselben Augenblick werde ich sterben." „Liebling!" sagte Sue und beugte sich abgespannt über das Kissen. „Denk doch an mich, wenn du schon nicht an dich denken willst. „Was soll ich ohne dich tun?" Aber Johnsy gab keine Antwort. Das Einsamste auf der Welt ist eine Seele, die sich auf die geheimnisvolle weite Reise vorbereitet. Die Einbildung beherrschte sie immer stärker, während eine Bindung nach der anderen an Freunde und an die Welt sich löste. Der Tag ging vorüber, und noch im Zwielicht konnten sie gegen die Mauer das einzelne Blatt sehen, das sich an die Ranke klammerte. Mit der Nacht kam auch der Nordwind wieder, und der Regen schlug immer noch gegen die Fenster und plätscherte aus der flachen Dachrinne. Als es hell genug war, verlangte Johnsy unbarmherzig, daß der Rolladen wieder hochgezogen werde. Das Weinblatt war immer noch da. Johnsy schaute es lange Zeit schweigend an. Dann rief sie nach Sue, die ihre Hühnerbrühe auf dem Gasofen umrührte. „Ich bin ein dummes Mädchen gewesen", sagte Johnsy. „Irgend etwas hat dieses Blatt dort festgehalten, um mir zu zeigen, wie schlecht ich war. Es ist eine Sünde, sterben zu wollen. Du kannst mir jetzt etwas Brühe bringen, und Milch mit etwas Portwein — nein, bring mir zuerst einen Handspiegel und pack einige Kissen hinter meinen Rücken, damit ich dir beim Kochen zuschauen kann." Eine Stunde später sagte sie: „Suedie, eines Tages hoffe ich doch noch die Bucht von Neapel malen zu können." Am Nachmittag kam der Arzt, und Sue fand einen Vorwand, um mit ihm allein auf dem Korridor sprechen zu können. „Es steht eins zu eins", sagte der Arzt und ergriff Sues dünne, zitternde Hand. „Mit guter Pflege werden Sie gewinnen. Doch jetzt muß ich noch nach einem Patienten einen Stock tiefer schauen. Behrman ist sein Name — ich glaube, irgend so ein Künstler. Auch Lungenentzündung. Er ist ein alter, schwacher Mann, und der Anfall ist akut. Für ihn besteht keine Hoffnung; aber er wird heute ins Krankenhaus gebracht, um es bequemer zu haben." Am nächsten Tag sagte der Doktor zu Sue: „Sie ist außer Gefahr; Sie haben gewonnen. Gute Ernährung und Pflege — das ist alles." An diesem Nachmittag setzte sich Sue an das Bett zu Johnsy, die zufrieden an einem sehr blauen und sehr nutzlosen Schal strickte, und umarmte sie mitsamt den Kissen. „Ich muß dir etwas sagen, meine blasse Maus", sagte sie. „Mr. Behrman ist heute im Krankenhaus an Lungenentzündung gestorben. Er war nur zwei Tage krank. Der Hausmeister hat ihn am ersten Tage in seinem Zimmer hilflos vor Schmerzen vorgefunden. Seine Schuhe und Kleider waren völlig durchnäßt und eiskalt. Sie konnten sich nicht vorstellen, wo er in einer solchen schrecklichen Nacht gewesen sein konnte. Dann fanden sie eine Laterne, die noch brannte, eine Leiter, die er benützt hatte, einige herumliegende Pinsel, eine Palette, auf der grüne und gelbe Farben gemischt waren und — Liebling, schau aus dem Fenster auf das letzte Weinblatt an der Mauer. Hast du dich nicht gewundert, daß es nie flatterte oder sich im Wind bewegte? Oh, Liebling, das ist Behrmans Meisterwerk — er hat es in jener Nacht gemalt, als das letzte Blatt abfiel." Das jüngste Gericht Slowomir Mrosek Das letzte Blatt  O. Henry Vor dem Gesetz.mp3